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Full text of "Ueber unsere gegenwärtige Kenntniss vom Ursprung des Menschen: Vortrag gehalten auf dem vierten ..."

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lieber \insere 



^ll gegenwärtige Kenntniss 

Ursprung des Mensclien. 



Vortrag 

gehalten 

auf dem Yierten Internationalen Zoolugen-CongresB in Camlwidge, 

am 26. August 1898 

Ernst Haeckel 

(Jen.). 



Mit eiläuteiDden inmorknug. 

Vierte bis siebente Auflage. 



d Tabellen. 




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Bonn, 

Verlag von Emil Strau 
1890. 



lieber unsere 



gegenwärtige Kenntniss 



vom 



Ursprung des Menschen. 



Vortrag" 

gehalten 

auf dem Vierten Internationalen Zoologen-Congress in Cambridge, 

am 26. August 1898 



von 



Ernst Haeckel 

(Jena). 



Mit erläuternden Anmerkungen und Tabellen. 



Vierte bis siebente Auflage. 




Bonn, 

Verlag von Emil Strauss. 

1899. 



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„Die Frage aller Fragen für die Menschheit — 
das Problem, welches allen übrigen zu Grunde liegt, 
und welches tiefer interessirt als irgend ein anderes — 
ist die Bestimmung der Stellung, welche der Mensch in 
der Natur einnimmt, und seiner Beziehungen zu der Ge- 
sammtheit der Dinge. Woher unser Stamm gekommen 
ist, welches die Grenzen unserer Gewalt über die Natur 
und der Natur Gewalt über uns sind, auf welches 
Ziel wir hinstreben: das sind die Probleme, welche 
sich von Neuem und mit unvermindertem Interesse 
jedem zur Welt geborenen Menschen darbieten." 

Thomas Huxlky (1863). 



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Vorwort. 



Im Frühjahr 1893 erhielt ich die Einladung, auf dem vierten 
' internationalen Zoologen-Congress, welcher vom 22. bis 27. August 
in Cambridge tagte, einen Vortrag zu halten. Dabei wurde von 
mehreren Seiten der Wunsch auageaprochen, ich möchte für diesen 
Vortrag eine der grossen allgemeinen Prägen wählen, welche gegen- 
wärtig unsere moderne, in so herrlichem Aufblühen begriffene 
Zoologie bewegen, und sie mit anderen, entfernter liegenden Wissen- 
schaften in nahe Beziehung bringen. Unter diesen Fragen ist keine 
von grösserem allgemeinen Interesse und von höherer philosophischer 
Bedeutung als die Frage vom Ursprung des Menschen, diese ge- 
waltige „Frage aller Fragen". 

Durchdrungen von dieser Ueberzeugung und von der Ansicht, 
8 nur die wissenschaftliche Zoologie — im weitesten 

I Sinne des Begriffes — zur definitiven Lösung dieser Hauptfrage 
berufen ist, glaubte ich, mich jener Einladung nicht entziehen zu 
dürfen, und beschloss nach einigen Bedenken, diese Gelegenheit zu 
einer kritischen Beleuchtung des gegenwärtigen Zu- 
Btandes unserer Kenntnisse vom Ursprung des Menschen zu be- 
nutzen. Mein Vortrag (am 26. August in Cambridge gehalten) 
irde von dem stark besuchten Congresse mit reichem Beifall be- 
grüsät; entgegengesetzte Anschauungen, zu deren Aeusserung meine 
Darstellung vielfach Veranlassung gab, und welche man von mehreren 
Seiten erwartet hatte, wurden nicht laut. Die einzige abweichende 
Ansicht, die geäussert wurde, bezog sich auf die hypothetische Zahl 

Ider Jahrmillionen, welche in der Erdgeschichte seit Beginn des 
organischen Lebens verflossen sind (vgl. Anmerkung 20). Dagegen 
liatte ich die erfreuliche Genugthuung, daas melirere von den an- 
gesehensten anwesenden Zoologen , Anatomen und Paläontologen 
Ihre volle Zustimmung zu meinem Vortrage kundgaben, und dass 
auch andere auf dem Congresae gehaltene Vortrage (insbesondere 
derjenige über den Ursprung der Saugethiere, am 25. August) sich 



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- 4 — 

in denselben Gedankengängen bewegten. Ich darf also wohl an- 
nehmen, dass diese Darstellung nicht nur der Ausdruck meiner 
eigenen festen Ueberzeugung ist, sondern auch derjenigen der zahl- 
reichen, aus allen Culturstaaten versammelten Naturforscher, welche 
demselben beiwohnten ; wenn nicht aller, so doch der überwiegenden 
Mehrheit! 

Vierzig Jahre sind jetzt verflossen, seitdem Charles Darwin 
die ersten Mittheilungen über seine epochemachende Theorie ver- 
öffentlichte. Vierzig Jahre Darwinismus! Welcher un- 
geheure Fortschritt unserer Natur-Erkenntniss! 
Und welcher Umschwung unserer wichtigsten Anschauungen, nicht 
allein in den nächstbetroffenen Gebieten der gesammten Biologie, 
sondern auch in demjenigen der Anthropologie und ebenso 
aller sogenannten „Geisteswissenschaften"! Denn mit der 
wahren Erkenntniss des menschlichen Ursprungs ist auch die 
feste Grundlage einer physiologischen Erkenntniss - Theorie ge- 
wonnen und somit ein unerschütterliches Fundament der natur- 
gemässen Psychologie und der monistischen Philosophie. 
Um die erstaunliche Tragweite dieses grössten wissenschaftlichen 
Fortschrittes zu begreifen, muss man zurückschauen auf seine ver- 
schiedenen Phasen in den letzten vier Decennien. Im ersten Decen- 
nium fast allgemeiner Widerstand gegen die neue Lehre, welche die 
ganze bisherige Weltanschauung auf den Kopf zu stellen schien; im 
zweiten Jahrzehnt heftigster Kampf mit unentschiedenen Erfolgen; 
im dritten Decennium fortschreitender Sieg des Darwinismus auf 
allen Gebieten der Biologie; im vierten Jahrzehnt endlich all- 
gemeine Anerkennung von Seiten aller competenten Naturforscher. 
Wir dürfen jetzt am Schlüsse unseres Jahrhunderts sagen, dass der 
Darwinismus und die durch ihn begründete moderne Entwicklungs- 
lehre neben dem Substanz-Gesetze und neben der Zellen-Theorie zu 
seinen glänzendsten Erzeugnissen gehört. 

Die erste Veröffentlichung meiner in Cambridge (in englischer 
Sprache) gehaltenen Rede erfolgte im November-Heft der „Deutschen 
Rundschau". Der vorliegende Abdruck ist durch Zusätze beträcht- 
lich erweitert und ausserdem mit einer Anzahl von erläuternden 
Tabellen und Anmerkungen versehen. Möge er seinen Zweck er- 
füllen und auch in weiteren gebildeten Kreisen die Ueberzeugung- 
der positiven Sicherheit erwecken, mit welcher wir gegen- 
wärtig den Ursprung des Menschen aus einer Reihe von Primaten 
für wissenschaftlich bewiesen ansehen. 

Jena, 10. November 1898. 

Ernst Haeckel. 



I 



I 



ATD Schlnssc des neunzehnten Jahrhunderte blicken wir mit ge- 
rechtem Stolz auf die gewaltigen und unvergleichlichen Fort- 
«chritte, welche menschliche Wissenschaft und Cultur während seines 
Verlaufes gemacht haben — allen anderen voran die Natur- 
wissenschaft.- Diese Thatsache tindet ihren charakteriBtischen 
Ausdruck darin, das» schon jetzt in vielen Schriften unser Jahr- 
hundert als „das grosse" bezeichnet wird oder als das „Zeitalter 
der Naturwissenschaft", Jede einzelne Wissenschaft, welche sich 
mit der Erkenntniss und Geschichte der Natur beschilftigt, erhebt 
fiir sich selbst den Anspruch, die grössten Fortschritte aufzuweisen 
und den anderen voraus zu sein, und jede einzelne kann dafür gute 
Gründe anführen. Ein unparteiischer und unbefangener Philosoph 
aber, welcher vergleichend das ganze weite Gebiet überschaut, wird 
vor allen anderen den ersten Siegespreis unserer Zoologie er- 
theilen müssen; denn aus ihrem Schoosse ist der Trans formismus 
oder die Descendenz-Theorie geboren, jener gewaltige Hnuptzweig 
der Entwicklungslehre, für welchen Jeah Lamaeck 1809 den ersten 
Grund g«legt, und welchen fünfzig Jahre später Charles Darwin 
zur allgemeinen Anerkennung geführt hat. 

Eis kann nicht meine Aufgabe sein, Ihnen hier nochmals die 
fundamentale Bedeutung und den unschätzbaren Werth der De- 
scendenz-Theor i e vorzuführen. Denn unsere ganze biologische 
Wissenschaft ist heute von ihr durchdrungen. Keine grosse und 
allgemeine Frage kann in Zoologie und Botanik, in Anatomie und 
Physiologie erörtert und gelöst werden, ohne dass die Vorfrage nach 
der Entstehung des Objectes, nach dem „Werden des Gewor- 
denen" vor Allem sich aufdrangt. Diese Vorfrage fehlte aber fast 
überall , als Charles Darwin , der grosse Reformator der BioloB;ie, 
vor siebzig Jahren seine akademischen Studien hier in Cambridge 
begann, und zwar als Theologe. Das geschah in jenem denk- 
würdigen Jahre 1828, als in Deutsehland Carl Ernst von Baeh 
seine classische „Entwicklungsgeschichte der Thiere" verfiffentlichte, 
den ersten erfolgreichen Versuch, die Entstehung des individuellen 



rik 



— 6 — 

Thierkörpers durch „Beobachtung und Reflexion" aufzuklären und 
die „Geschichte der wachsenden Individualität in jeglicher Beziehung" 
vom einfachsten Keime bis zur vollendeten Reife durchzuführen: 
Dabwin wusste damals von diesem gewaltigen Fortschritte nichts, 
und er konnte nicht ahnen, dass diese Keimesgeschichte, die Em- 
bryologie oder Ontogenie, vierzig Jahre später zum wichtigsten 
Fundamente seiner eigenen Lebensaufgabe werden würde, zur 
sichersten Stütze jener Abstammungslehre, welche von Lamabck im 
Geburtsjahre Dabwin's begründet und welche damals von seinem 
Grossvater, Ebasmus Dabwin, mit lebhaftem Beifall aufgenommen 
worden war. (Vergl. Anm. 6.) 

Unter allen Naturforschern des neunzehnten Jahrhunderts hat 
Chables Dabwin unzweifelhaft den grössten Erfolg gehabt und die 
tiefste Wirkung ausgeübt, wir bezeichnen ja die letzten vierzig Jahre 
oft schlechtweg als „das Zeitalter Darwin's". Wenn wir aber 
die Ursachen dieses beispiellosen Erfolges näher untersuchen, so 
müssen wir, wie ich schon wiederholt betont habe, drei grosse Ver- 
dienste wohl unterscheiden: 1. die totale Reform der Descendenz- 
Theorie, des Lamarekismus und ihre feste Begründung durch 
die zahlreichen inzwischen erworbenen Kenntnisse der modernen 
Biologie; 2. die Begründung der neuen Selections-Theorie, des 
eigentlichen Darwinismus; und 3. die Ausführung der A n t h r o - 
pogenie, jener wichtigsten Folgerung der Abstammungslehre, 
die alle anderen Probleme der Entwicklungslehre an Bedeutung 
weit übertriflFt. 

Nur über dieses dritte und letzte Verdienst Dabwin's, über die 
Aufklärung der Abstammung des Menschen, möchte ich heute vor 
diesem Zoologen-Congresse einen kurzen Bericht erstatten, und zwar 
in dem Sinne, dass ich kritisch die Sicherheit prüfe, zu welcher 
gegenwärtig unser Wissen vom Ursprung des Menschen und von 
den verschiedenen Stufen seines animalen Stammbaums gelangt ist. 
Dass es sich hier um die wichtigste von allen wissenschaftlichen 
Fragen handelt, wird heute von keiner Seite mehr bestritten. Denn 
alle anderen Probleme, welche der menschliche Geist erforschen 
und erkennen kann, sind ja schliesslich durch die psychologische 
Erkenntniss-Theorie bedingt und diese wiederum durch die 
Frage vom animalen Wesen des Menschen, von seinem Ursprung, 
seiner Entwicklung und seiner Geistesthätigkeit. Mit vollem Rechte 
konnte daher der grösste englische Zoologe unsers Jahrhunderts, 
Thomas Hüxley, dieses Problem als „die Frage aller Fragen 
für die Menschheit" bezeichnen, als „das Problem, welches allen 
übrigen Problemen zu Grunde liegt, und welches tiefer interessirt 
als irgend ein anderes". Das geschah 1863 in jenen meisterhaften 



drei Abhandlungen, welche die „Zeugnisse für die Stellung 
des Manschen in der Natur" im Lichte der DAEWitt'schen 
Lehre zum ersten Male eingehend prüften; die erste behandelt die 
Naturgeschichte der menschenähnlichen Affen, die zweite die Be- 
ziehungen des Menschen zu den nächst niederen Thieren, die dritte 
einige fossile menschliche Ueberreste. Daewis selbst hatte 1859 In 
seinem Hauptwerke „Ueber den Ursprung der Arten" diese wich- 
tigste Conseqiienz seiner Lehren absichtlich nur flüchtig gestreift 
in dem kurzen, bedeutungsvollen Hinweise, dass dadurch auch Licht 
auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte geworfen 
werden würde. Später (1871) hat Dakwin in seinem berühmten 
Werke über „Die Abstammung des Menschen und die geschlecht- 
liche Zuchtwahl" sowohl die morphulogischen und historischen, als 
auch die physiologischen und psychologischen Seiten des Problems 
eingehend in geistreichster Weise gefördert. 

Ich selbst hatte bereits 1866 in meiner Generellen Morpho- 
logie „die Entwicklungsgeschichte der Organismen in ihrer Be- ' 
deutung für die Anthropologie' verwerthet und besonders darauf 
hingewiesen, dass auch für den Menschen das biogenetische Grund- 
gesetz Geltung hat; bei ihm, wie bei allen anderen Organismen 
besteht der innigste, auf progressive Vererbung begründete Causal- 
Zusammenhang zwischen Ontogenie und Phylogenie, zwischen der 
Keimesgeschichte des Individuums und der Stammes- 
geschichte seiner Ahnen-Reihe, In dieser letzteren unterschied 
ich damals zehn verschiedene Hauptstufen innerhalb des Wirbelthier- 
Stammes. Das Hauptgewicht aber legte ich auf die logische 
Verknüpfung der Anthropogenie mit dem Transformismus ; wenn 
der letztere wahr ist, hat er auch absolute Gültigkeil für die erstere. 
„Der Satz, dass der Mensch sich aus niederen Wirbelthieren, und 
zwar zunächst aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein specieller 
Üeductions-Schluss, welcher sieh aus dem generellen Inductions- 
Gesetz der Descendenz-Theorie mit absoluter Nothwendigkeit ergiebt." 
Die weitere Ausführung dieser Auffassung und ihrer Folgerungen 
habe Ich dann in den verschiedenen Auflagen meiner „Natürlichen 
Schöpfungsgeschichte" (L Aufl. 1868, IX. Aufl. 1898) und meiner 
„Anthropogenie" (I. Aufl. 1874, IV. Aufl. 1891) gegeben; ihre streng 
wissenschaftliche Begründung im dritten Theile meiner „Syste- 
matischen Phylogenie" (1895)"). 

Im Laufe der vierzig Jahre, welche seit der ersten Mittheilung 
über Dabwin's Theorie jetzt verflossen sind, ist bekanntlich eine 
umfangreiche polemische Literatur sowohl über ihre allgemeine Be- 
deutung erschienen, als auch über die Anthropogenie, ihre wichtigste 
specielle Folgerung. Dass die letztere mit der ersteren untrennbar 



rita 



verknüpft ist, wird heute allgemein anerkannt, und gerade aus 
diesem innigen ZnaamnieiihaDg erklärt sich ja auch der zähe Wider- 
stand, den der ganze Transtbrmi&mus seither von Seilen aller 
mystischen und orthodoxen Schulen erfahren hat, von Seiten aller 
Menschen, welche sich von dem hergebrachten authropoeentrisclien 
Aberglauben nicht loe machen können. In dem lebhaften Kampfe 
dagegen sind die verschiedensten Waffen gebraucht worden ; wir 
können uns hier nur auf jene Einwände beziehen, welche auf 
empirisch-biologischer Grundlage beruhen sollen; wir müssen ab- 
sehen von allen jenen zahlreichen Angriffen, welche nur auf Grund 
von metaphysischen und myslischen Speculationen, ohne Kenntnis« 
der empirisch festgestellten Thatsachen der Biologie, unternommen 
worden sind. Der wichtigste Theil unserer Aufgabe wird dabei die 
kritische Prüfung der drei grossen Urkunden sein, welche wir 
allen phylogenetischen Untersuchungen zu Grunde legen, der Palä- 
ontologie, der vergleichenden Anatomie und Ontogonie. Wir werden 
einen Blick auf die bedeutungsvollen Fortschritte zu werfen haben, 
welche diese drei wichtigsten Hülfs Wissenschaften der Anthropogenie 
im letzten Decennium gemacht haben, und sodann kritisch den 
Grad der positiven Sicherheit untersuchen, welchen auf Grund 
derselben unsere Kenntniss vom Ursprung des Menschen gegen- 
wärtig erreicht hat. 

Vor Allem haben wir hier die Stellung zu prüfen, welche die 
moderne Zoologie, gestützt auf die vergleichende Anatomie, 
dem Menschen im natürlichen Systeme des Thierreichs anweist. 
Denn das Ziel des natürlichen Systems selbst ist ja die Erkenntmss 
des hypothetischen Stammbaums; und alle die einzelnen grösseren 
und kleineren Gruppen, welche wir als Claasen, Legionen, Ordnungen, 
Familien, Gattungen und Arten in jedem Stamme unterscheiden, sind 
nur verschiedene Zweige und Aeste dieses Stamrabauma. Nun ist 
ja für den Menschen selbst diese systematische Stellung auf Grund 
seines gesammten Körperbaues längst unzweifelhaft festgestellt. Als 
der grosse Lakasok im Beginne unseres Jahrhunderts die vier 
höheren von den sechs Thierclassen LiknJi's unter dem Begriffe der 
Wirhelthiere zusamraenfasste , hatte er damit zugleich dem 
Menschen selbst seine Stellung an deren Spitze angewiesen, Linne 
selbst hatte schon 1735 in seinem grundlegenden „Systema Naturae" 
den Menschen an die Spitze der Säugethiere gestellt und ihn 
mit den Affen und Halbaffen zusammen in der Ordnung der ^Anihro- 
pomorpka" oder „Menschen förmigen" vereinigt; später nannte er 
sie Herrenthiere oder Primates, — - die „Herren der Schöpfung". 

Alle Merkmale im Körperbau, durch welche sich die Säugethiere 
von den übrigen Wirbelthieren unterscheiden, besitzt auch der 



Pjlenach; daher hat sich über aeine Zugehörigkeit zu dieser Classe 
auch niemals Streit erhoben. Dagegen sind über den Platz, welchen 
der Mensch in einer der Säugethier-Ordnungen einzunehmen hat, 
die Ansichten aucb heute noch verschieden. Cutibe folgte, als er 
das Thier-System (1817) durch die vergleichende Anatomie neu 
begründete, dem Vorgange von Blumenbach und schuf für den 

-Hensohen die besondere Ordnung der Zweihändor (Bimana) im 
ßegensatze zu den Affen und Halbaffen, als Vierhändern (Quadrtt- 
ia). Diese Anordnung wurde während eines halben Jahrhunderts 

■^von den meisten Lehrbüchern beibehalten ; sie wurde erst unhaltbar, 
als HusLB!^ 1863 zeigte, dasa ihre Grundlage auf einem anatomischen 
Irrthum beruhe, und dass die Affen ebenso in Wahrheit Zweihänder 

(Beien wie der Mensch. Damit war die Primaten-Ordnung im 
Binne von Lihne wieder hergestellt. 

Als drei Unterordnungen der Primaten unterschieden in 
den letzten dreissig Jaliren die meisten Autoren 1. die Halbaffen 
(Prosimiae), 2. die Affen (Siiniae) und 3. die Menschen (Anthropi). 
Andere Zoologen wieder gestanden dem Menschen nur den Rang 
einer Familie in der Affen-Ordnung zu. Die formenreiehe Gruppe 
der echten Affen (Smiue oder Piikeca) zerfiillt in zwei natürliche 
Abthellungen, die geographisch ganz getrennt erscheinen und sich 
unabhängig von einander in der westlichen und östlichen Erdhälfte 
entwickelt haben. Die amerikanischen Affen oder Westaffen 
(Hesperopüheca) zeichnen aich durch kui'zen knöchernen Gehörgang 
und breite Nasen seh ei de wand aus; sie sind daher als Flattnaaen 
(PlaUfrrhinae) unterschieden worden. Dagegen besitzen die Affen 
der alten Welt, welche Asien und Afrika (früher auch Europa) be- 
wohnen, einen langen knöchernen Gehörgang und eine schmale 
Nasenscheide wand wie derMenach; man hat daher diese Ostaffen 
(Eopitheca) auch als Schmalnaseti (Catarrhinae) bezeichnet. Da 
der Mensch auch im übrigen Körperbau die morphologischen Merk- 
male der Ostaffen besitzt und sich dadurch ebenso wie diese von 
den Westaffen unterscheidet, haben einige Zoologen der Menschen- 
Pattung ihre ayatematiache Stellung innerhalb der Gruppe der Ostaffen 
tngewieaen'). Unzweifelhaft ist diese Unterordnung der Catarrhinen 
^ne ganz natürliche Abtheiiung, deren zahlreiche lebende und ausge- 
Btorbene Gattungen durch viele und wichtige Merkmale im Körperbau 
eng verbunden sind; sie umfaast aber trotzdem eine lange Reihe von 
sehr verschiedenen Bildungsstufen. Die niedersten Schwanzaffen oder 
Hundsaffen (Oynopitheca), besonders die Paviane (Papiomorpha), 
erscheinen uns ala eine widerwärtige Carricatur der edlen Menschen- 
gestalt; sie bleiben auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stahen 
Jind schlieasen sich den älteren Platyrrhinen und Prosimien an. 



— 10 — 

Andererseits erheben sich die schwanzlosen Menschenaffen 
(Anthropomorpha) zu einer Höhe der Organisation, welche den un- 
mittelbaren Uebergang zur menschlichen Bildung sonnenklar er- 
läutert. Daher ging einer der genauesten Kenner der Primaten- 
Anatomie, EoBEBT Hartmann, so weit, dass er vorschlug, die ganze 
Primaten-Ordnung in drei Familien zu trennen: 1. Primarii^ 
(Menschen und anthropomorphe AflFen), 2. Simiaej eigentliche Affen 
(Catarrhinen und Platyrrhinen), 3. Prosimiae (HalbaflFen). Diese 
Anordnung erscheint gerechtfertigt durch die interessante Entdeckung 
von Selenka (1890), dass die ganz eigenthümliche Placenta-Bildung 
des Menschen auch bei den MenschenaflFen sich findet, nicht aber 
bei den übrigen Affen. 

Entscheidend für die Frage, welcher von diesen verschiedenen 
Eintheilungen man den Vorzug geben will, ist der bedeutungsvolle 
Satz, welchen HuxLEY 1863 auf Grund der genauesten kritischen Ver- 
gleichung aller anatomischen Verhältnisse innerhalb der Primaten- 
Ordnung aufstellte, und welchen ich seinem scharfsinnigen Be- 
gründer zu Ehren das Huxley'sche Gesetz oder den „Pithe- 
cometra-Satz von Hüxley" genannt habe: „Die kritische Ver- 
gleichung aller Organe und ihrer Modificationen innerhalb der 
Aflfen-Reihe führt uns zu einem und demselben Resultate: Die 
anatomischen Verschiedenheiten, welche den Menschen vom Gorilla 
und Schimpanse scheiden, sind nicht so gross als die Unterschiede, 
welche diese Menschenaffen von den niedrigeren Affen trennen." 
Daraus folgt aber für jeden unbefangenen Systematiker die logische 
Noth wendigkeit, dem Menschen seinen systematischen Platz inner- 
halb der Affen- Ordnung einzuräumen. Bei gewissenhaftester Prüfung 
jener Unterschiede und bei strengster logischer Schlussfolgerung 
können wir aber noch einen Schritt weiter gehen und statt des 
weiteren Begriffes Affen (Simiae) den engeren Begriff Ostaffen 
(Catarrhinae) setzen. Der maassgebende Pithecometra-Satz 
lautet dann in dieser schärfsten Fassung: „Die vergleichende Ana- 
tomie sämmtlicher Organe innerhalb der Catarrhinen- Gruppe führt 
uns zu einem und demselben Resultate: Die morphologischen DiflFe- 
renzen zwischen dem Menschen und den anthropomorphen Ostaflfen 
sind nicht so gross als diejenigen zwischen diesen Menschenaffen 
und den papiomorphen Hundsaffen, den niedrigsten Catarrhinen." 
Nun können wir diesen unbestreitbaren Pithecometra-Satz, sowie 
die feste anatomische Begründung des Primaten-Systems unmittelbar 
für die Stammesgeschichte des Menschen verwerthen. Denn das 
natürliche System ist innerhalb der Primaten-Ordnung ebenso der 
Ausdruck der wahren Stammverwandtschaft wie in jeder anderen 
Gruppe des Thier- und Pflanzenreichs^). Daraus ergeben sich 



— 11 — 

folgende wichtige Sfhlussfolgerungtn flir deu Stammbaum dc3 
Menschen: 1. Die Primaten bilden eine natürliche, mono- 
phyletiache Gruppe; alle Herren thiere, Halbaffen und Affen, mit 
Inbegriff des Menschen, etammen von einer gemeinsamen ursprüng- 
lichen Stammform ab, einem hypothetischen Archiprimas. 2. Von 
den beiden Ordnungen der Primaten-Legion sind die Halbaffen 
.-(Prasimiae) die niederen und älteren; aus ihnen haben sich erst 
■apäter die echten Affen (Simiae) entwickelt. 3. Unter diesen 
T5etzteren bilden die Ostaffen (Catarrhinae) eine natürliche, mono- 
'■phyletiache Gruppe; ihre gemeinsame hypothetische Stammform 
(Ärchipitheats) ist direct oder indirect von einem Zweige der Halb- 
affen abzuleiten ( — gleichviel, wie man ihre Beziehung zu den 
"Westaffen auffasst — ). 4. Der Mensch stammt von einer Reihe aus- 
gestorbener Oätaffen ab; die jüngeren Ahnen dieser Reihe gehörten 
zur Gruppe der schwanzlosen Menschenaffen, mit fiinf Kreuz- 
wirbeln (Anthropoides), die älteren zur Gruppe der geschwänzten 
I Hundaaffen,mit drei oder vier Kreuz wirbeln ^Jynopiiheca). Diese 
j vier Satze stehen nach unserer Ueberzeugung unerschütterlich fest, 
[ gleichviel, welche anatomischen oder paläontologiachen Entdeckungen 
I später noch die vielen Stufen der phyjetischen Anthropugenesis im 
I Einzelnen näher aufklären werden. (Vergl, den Stammbaum im 
Anhang , Anm. 2 , und dazu das gegenüberstehende System der 
Primaten, Anm. 1.) 

Die vergleichende Anatomie, welche mit kritischem 
r Scharfblick einerseits analytisch die Unterschiede im Körperbau der 
r einzelnen Thierforraen prüft, andererseits synthetisch auf Grund 
ihrer gemeinsamen Merkmale die natürlichen Formengruppen zu- 
I eammenfasst, hat jenen Fithecometra-Lehrsatz und seine bedeutungs- 
f vollen Scblussfolgerungen jetzt endgültig bewiesen. Nicht weniger 
wichtig als diese morphologischen Erkenntnisse sind aber die 
physiologischen, welche uns die lehrreiche, bisher leider sehr ver- 
nachlässigte vergleichende Physiologie liefert. Denn die 
unbefangene kritische Vergleichung aller einzelnen Lebensthätig- 
keiten lehrt uns, das» auch hier nirgends ein durchgreifender 
Unterschied zwischen Mensch und Affe besteht. Unsere gesammte 
Ernährung, Verdauung und Kreislauf, Athmung und Stoffwechsel, 
werden durch dieselben physikalischen und chemischen Processe 
bewirkt wie bei den Menschenaffen. Dasselbe gilt für die einzelnen 
Vorgänge bei der Geschlechtsthätigkeit und Fortpflanzung. Das- 
selbe gilt ebenso für die animalen Functionen der Bewegung und 
Empfindung. Unsere Sinnesthfttigkeit erfolgt nach denselben physi- 
kalischen und chemischen Gesetzen , wie bei den Affen, Die 
LMechanik unseres Knochengerüstes und die Bewegungen, welche 



— 12 — 

unsere Muskeln mittelst dieses Hebel- Apparates ausführen, sind 
nicht von denjenigen der Menschenaffen verschieden. Früher pries 
man als besondere Auszeichnung des Menschen den aufrechten 
Gang; jetzt wissen wir, dass derselbe auch vom Gorilla und Schim- 
panse, vom Orang und vorzüglich vom Gibbon zeitweise an- 
genommen werden kann. 

Nicht anders verhält es sich mit der menschlichen Sprache. 
Die verschiedenen Laute, durch welche die Affen ihre Empfin- 
dungen und Wünsche, Zuneigung und Abneigung mittheilen, müssen 
von der vergleichenden Physiologie ebenso als „Sprache" be- 
zeichnet werden wie die gleich; unvollkommenen Laute, welche 
kleine Kinder beim Sprechenlernen bilden, und wie die mannig- 
faltigen Töne, durch welche sociale Säugethiere und Vögel sich 
ihre Vorstellungen mittheilen. Der modulirte Gesang der Sing- 
vögel gehört ebenso in das Gebiet der Sprache wie der ähnliche 
Gesang der Menschen. Uebrigens giebt es auch einen musikalischen 
Menschenaffen; der singende Gibbon oder Siamang (Eylobates 
syndadylus) beginnt mit dem Grundton E und durchläuft die ganze 
chromatische Tonleiter, eine volle Octave hinauf, in reinen und 
klangvollen halben Tönen. Das alte Dogma, dass nur der Mensch 
mit Sprache und Vernunft begabt sei, wird auch heute noch bis- 
weilen von angesehenen Sprachforschern vertheidigt, so z. B. von 
Max Mülleb in Oxford. Es wäre hohe Zeit, dass diese irrthüm- 
liche, auf Mangel an zoologischen Kenntnissen beruhende Behaup- 
tung endlich aufgegeben würde. 

Den grössten Schwierigkeiten und dem heftigsten Widerstände 
begegnet jedoch unser Pithecometra-Satz auf einem einzelnen Ge- 
biete der Nerven-Physiologie , nämlich demjenigen der Seelen- 
thätigkeit. Die wunderbare „Seele des Menschen" soll ein 
ganz besonderes „Wesen" sein, und es gilt noch heute Vielen für 
unmöglich, dass sie sich historisch aus der „Affenseele" entwickelt 
habe. Nun haben uns aber erstens die bewunderungswürdigen 
Entdeckungen der vergleichenden Anatomie im letzten De- 
cennium bewiesen, dass sowohl der feinere, wie der gröbere Bau 
des Gehirns beim Menschen derselbe ist wie bei den Menschenaffen; 
die unbedeutenden Unterschiede zwischen Beiden in der Grösse 
und Gestalt der einzelnen Gehirntheile sind geringer als die ent- 
sprechenden Unterschiede zwischen den Menschenaffen und den 
niedersten Ostaffen, insbesondere den Pavianen oder Papstaffen. 
Zweitens lehrt uns die vergleichende Ontogenie, dass der 
höchst verwickelte Gehirnbau sich beim Menschen aus derselben 
einfachen Anlage entwickelt wie bei allen übrigen Wirbelthieren, 
aus fünf hinter einander gelegenen Hirnblasen des Embryo; die 



- 13 — 

besoEdere Art und Weise, in welclier sich die eigenthümliche 
Form des Prima ten-Gehirna aus jener höchst einfaclien embryoQalen 
Anlage hervovbildet, ist beim Menschen ganz gleich derjenigen, 
welche die Menschenaffen auszeichnet. Drittens überzengt uns die 
vergleichende Physiologie durch Beobachtung und Experi- 
ment ^ dass säoimtlicha Gehirnfunctionen , ebenso das Bewasst- 
sein und die sogenannten höheren Seelen thätigkeiten, wie die 
niederen Reflexactionen, beim Menschen durch dieselben physi- 
kalischen und chemischen Vorgänge im Nervensystem vermittelt 
werden wie bei allen übrigen Sängethieren. Viertens endlich 
erfahren wir durch die vergleichende Pathologie, dass alle 
.sogenannten „Geisteskrankheiten" beim Menschen ebenso durch 
materielle Veränderungen von bestimmten Gehirntheilen bewirkt 
werden wie bei den nächst verwandten Säugethieren. 

Unbefangene kritische Vergleichnng bestätigt auch liier das 
HuxLEv'aehe Gesetz: Die psychologischen Unterschiede 
zwischen dem Menschen und den Manschenat'fen sind 
geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen 
den Menschenaffen und den niedrigsten Affen. Und 
diese physiologische Thatsache entspricht genau dem anatomischen 
Befunde, welchen uns die betreffenden Unterschiede im Bau der 
Grosshirnrinde, des wichtigsten „Seelen Organs", darbieten. Die 
hohe Bedeutung dieser Erkenntniss wird uns noch klarer, wenn 
wir dabei die ausserordentlichen Unterschiede des Seelenlebens 
innerhalb des Menseliengeschlechts selbst in's Auge fassen. Da 
sehen wir hoch oben einen Goethe und Shakespeare, einen Darwin 
und Lamarck, einen Spinoza und Aristoteles — und damit ver- 
gleichen wir nun tief unten einen Wedda und Akka, einen Austral- 
neger und Dravida, einen Buschmann und Patagonier ! Der gewal- 
tige Abstand im Seelenleben jener höchsten und dieser niedersten 
Vertreter des Menschengeachlochta ist weit grösser als derjenige 
zwischen den letzteren und den Menschenaffen*). 

Wenn nun trotzdem auch heute noch in den weitesten Kreisen 

I~ die „Menachen-Seele" als ein besonderes „Wesen" betrachtet 

und als wichtigstes Zeugnias gegen die verrufene „Abstammung 
des Menschen vom Affen" in den Vordergrund gestellt wird, so 
erklärt sich dies einerseits aus dem tiefen Zustande der sogenannten 
„Psychologie", andererseits aus dem weit verbreiteten Aberglauben 
an die „Unsterblichkeit der Seele". Die Wissenschaft, welche auch 
heute noch in den meisten Lehrbüchern und auf den meisten 
akademischen Lehrstühlen als „Psychologie" docirt wird, ist 
nicht wahre empirische Seelenkunde, nicht Physiologie der 
Seelenorgane, sondern vielmehr eine phantastische Metaphysik, 



— 14 — 

zusammengesetzt aus einseitiger introspectiver Selbstbeobachtung 
und unkritischer Vergleichung , aus missverstandenen Wahrneh- 
mungen und unvollständigen Erfahrungen, aus speculativen Ver- 
irrungen und religiösen Dogmen. Die meisten sogenannten „Psycho- 
logen" kennen nicht einmal den feineren Bau des Gehirns und 
der Sinnesorgane, jener bewunderungswürdigen und überaus com- 
plicirten Werkzeuge, welche einzig und allein die Seelenthätigkeit 
beim Menschen wie bei den Thieren vermitteln. Die meisten 
Psychologen besitzen noch heute keine Kenntniss von den bedeu- 
tungsvollen Ergebnissen der modernen Experimental- Psychologie 
und Psychiatrie, oder sie ignoriren dieselben absichtlich; ja sie 
kennen nicht einmal die factische Localisation der einzelnen 
Seelenthätigkeiten, ihr Gebundensein an die normale Beschaffenheit 
einzelner Gehirntheile. 

Die überraschenden Aufschlüsse, welche uns hierüber die 
feinere Anatomie und Ontogenie des menschlichen Gehirns, unter- 
stützt durch die experimentelle Physiologie und Pathologie, erst in 
den letzten vier Jahren gegeben hat, gehören zu den wichtigsten 
Entdeckungen des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings sind die- 
selben bis jetzt erst wenig in weitere Kreise gedrungen; allein das 
erklärt sich einerseits durch die grosse Schwierigkeit des Verständ- 
nisses, welche die höchst verwickelte Architektur unseres Gehirns 
darbietet, andererseits aus dem hartnäckigen passiven Widerstand 
der herrschenden Schul - Psychologie. Die Localisation der 
höheren Seelenthätigkeiten auf das Gebiet der Grosshirnrinde 
war schon ^or zehn Jahren durch die bedeutungsvollen Unter- 
suchungen von Goltz, Münk, Wernicke, Edinger u. A. nachgewiesen. 
Neuerdings aber ist es Paul Flechsig (1894) g-lungen, die ein- 
zelnen Theile dieses Gebietes bestimmter von einander abzugrenzen ; 
er hat nachgewiesen, dass in der grauen Rindenzone des Hirn- 
mantels vier Gebiete der centralen Sinnesorgane oder vier „innere 
Empfindungssphären" deutlich gesondert sind, die Körper- 
fühlsphäre im Scheitellappen, die Riechsphäre im Stirnlappen, die 
Sehsphäre im Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im Schläfenlappen. 
Zwischen diesen vier „Sinnesherden" liegen die vier grossen 
Denkherde oder Associons-Centren ( — gewöhnlich „Asso- 
ciations-Centren" genannt — ), die realen Organe des Geistes- 
lebens; sie sind jene höchsten Werkzeuge der Seelenthätigkeit, 
welche das Denken und das Bewusstsein vermitteln: vorn das 
Stirnhirn oder „frontale Associons - Centrum" , hinten oben das 
Scheitelhirn oder „parietale Associons-Centrum", hinten unten das 
Principalhirn oder das „grosse occipito-temporale Associons-Centrum" 
(das wichtigste von Allen!) und endlich tief unten, im Inneren 



— 15 — 

I versteckt, das Inaelhirn oder die „Reü'ache Insel", das „insulare 
I ABSOcions-Centrum". Diese vier Deakherde, durck eigen thümli che 
f und höchst verwickelte Nervenstructiir vor den zwischenliegenden 
nesherden ausgezeichnet, sind die wahren „Deokorgane", 
l die einzigen realen Werkzeuge unseres Geisteslebens '"). 

Das bedeutendste Hinderniss für die Anerkennung dieses 
Üasten Fortschrittes der na tiirlichen Psychologie 
1 bildet noch in weitesten Kreisen das hochgehaltene Dogma von der 
, Unsterblichkeit der Seele". Dieser verhängniss volle, von 
rohen Naturvölkern in den verschiedensten Mythen ausgebildete 
Aberglaube war schon im sechsten Jahrhundert vor Christus von 
der ionischen Naturphilosophie überwunden worden; er war auch 
der mosaischen Religion unbekannt, ebenso wie der buddhistischen. 
Erst durch die mystischen Speculationen von Plato, von Chbibtus 
und von Mohammed gewann derselbe seine systematische Aus- 
bildung; beglinstigt durch den Untergang der classischen Hellenen- 
Cultur und durch die Ausbreitung der päpstlichen Hierarchie in 
dem rohen Mittelalter, beherrschte derselbe länger als ein Jahr- 
tausend die gesaminte höhere Geistesbildung. Obgleich nun frei- 
denkende PiiiloHophen, besonders seit der Reform ationszeit, vielfach 
die Unhaltbarkeit des Unaterblichkeits-Glaubena darlegten, blieb 
doch seine definitive wissenschaftliche Widerlegung der monistischen 
Natur- Erkenn tniss des letzten halben Jahrliunderts vorbehalten*'). 
Das universale Substanz-Gesetz — das grosse „Gesetz von 
der Erhaltung der Materie und von der Erhaltung der Energie" — 
beherrscht das Seelenleben der Thiere und des Menschen ebenso 
wie alle anderen Naturerscheinungen; ea muss uns auf Grund des- 
selben heute ganz absurd erscheinen, wenn man eine einzige Aus- 
nahme von diesem obersten Naturgesetze zu Gunsten der Nerven- 
Phyaiologie eines einzigen Säugethieres machen will, welches sich 
erat viele Millionen von Jahren nach Beginn des organischen 
Erdenlebens aus einer tertiären Primaten-Reihe langsam und stufen- 
weise entwickelt hat'*). 

Da wir uns hier auf die universale Gültigkeit des Substanz- 
Gesetzes berufen müssen, wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, 
welche mächtige Stütze dieses höchste Naturgesetz gerade durch 
die erstaunlichen Fortschritte der Zoologie iu den letzten vierzig 
Jahren erhalten hat. Denn wie der Darwinismus die Herrschaft 
der mechanischen Causalität für das Gesammtgebiet der 
organischen Entwickelung nachgewiesen hat, so ist durch dessen 
wichtigsten Folgeschluss, durch den Pithecometra-Satz, ihre ali- 
gemeine Geltung auch für die gesammte Anthropologie bewiesen 
worden. Nicht allein das Dogma von der persönlichen Unsterblich- 



keit der menschlichen Seele Ut mit dem Substanz- Gesetz unverein-*! 
bar, sondern ebenao auch die beiden anderen grossen, eng damitj 
verknüpften Glaubenssätze, das Dogma von der Freiheit desl 
menschlichen Willens und das Dogma von der Existenz.! 
eines menBchenähnliehen „persönlichen Gottes", als Schöpfe rsjj 
Erhalters und Eegierers der Welt^"). 

In der modernen Philosophie ist gegenwärtig vielfach die An-j 
sieht verbreitet, dass diese drei Central-Dogmen — die 
Hauptstützen der mystischen und dualistischen Weltanschauung! — I 
trotz aller Fortschritte der modernen Natur -Erkenntniss uner-B 
schüttert fortbestünden. Wenn sich aber der Glaube mit Vorliebel 
dabei auf die kritische Philosophie von Ihuandel Kant beruft;,! 
so vergisst er den wichtigen Umstand, dass die apriorischeul 
F u n'd a m e n t e derselben rein dogmatisch waren. Die mystisehea'l 
Nebel- Gestalten jener drei Central-Gespenster lösen sich auf in dem! 
hellen Sonnenschein der Wahrheit, welchen das Substanz-Gesetz,.« 
die Descendenz-Theorie und der Pithecometra- Satz über die „Welt.^r 
räthsel" verbreiten. 

Die nächste Frage ist nun, wie sich die Paläontologie! 
zu jenen inhaltsehweren Ergebnissen der vergleichenden Anatomie:! 
und zu ihrer Anwendung auf das Primaten- System und auf diel 
Phylogenie verhält. Denn die Versteinerungen sind ja die ^ 
wahren „Denkmünzen der Schöpfung", die unmittelbaren 
Zeugnisse für die historische Succesaion der zahreichen Formen- 
gruppen, welche unseren Erdball seit vielen Jahrmillionen bevölkert 
haben. Liefern uns die Petrefacten der Primaten bestimmte An- . 
liahspunkte für die obigen Pithecometra-Sötzef Und bestätigen! 
sie direct die viel umstrittene „Abstammung des Menschen vom J 
Affen"? Nach unserer Ansicht ist diese Frage unbedingt zu I 
bejahen. Freilich sind aus bekannten Gründen die negati 
Lücken der paläontologi sehen Urkunden, hier wie überall, sehr 1 
empfindlich; und gerade im Primaten-Stamm sind sie, da die 
meisten Herrenthiere auf Bäumen kletternd leben, grösser als in 
vielen anderen Thiergruppen, Aber diesen leeren Locken steht 
andererseits eine stetig wachsende Zahl von positiven' That- 
saehen gegenüber; und diese erat neuerdings entdeckten Versteine- 
rungen besitzen einen phylogenetischen Werth, der nicht hoch 
genug anzuschlagen ist, Daa wichtigste und interessanteste von 
diesen Primaten-Petrefacten ist der berühmte Pithecantfo'opus erecius, 
welchen Eugen Ddbois 1894 in Java gefunden hat. Da die 
pliocäne Affenmensch auf dem letzten Zoo lo gen- Congr esse, vor 1 
drei Jahren in Leyden, eine lebhafte Discussion hervorrief, mögen I 
mir hier einige Worte zur Beurtheüung desselben gestattet sein. 



17 
( den Verhandlungen des Congre 



1 Leyden (bei welthei 



m 



ich nicht zugegen war) ersehe ich, dass damals die angeaehenstcn 
zoologischen und anatomischen Autoritäten höchst verschiedene An- 
sichten über die Natur des merkwürdigen Pithecanthropus äusserten. 
Leider waren seine Reste, ein Schädeldach, ein Oberschenkel und 
einige Zähne, so unvollständig, dass ein abschliessendes Urtheil nicht 
möglich war. Das Endergebniss der langen und eifrigen darliber 
geführten Debatte war, dass von unget^hr zwölf angesehenen 
Autoritäten drei die fossilen Reste auf einen Menschen, drei auf 
einen Affen bezogen; sechs oder mehr andere Zoologen hingegen 
erklärten sie für das, was sie auch nach meiner Meinung wirklich 
sind: fossile Ueberreste einer ausgestorbenen Uebergangsf orm 
zwischen Mensch und Affe. In der That scheint mir, nach den 
einfachen Gesetzen der Logik, nur diese eine Schlusafolgerung 
berechtigt: Pithecanthropus erectus von Dubois ist in der That ein 
Ueberrest jener ausgestorbenen Mittelgruppe zwisclien Mensch und 
welcher ich schon 1866 als hypothetisches Verbindungsglied 
len Namen Pithecanthropus beigelegt hatte; er ist das vielgesuchte 
fehlende Glied" (Missing Unk) in der Kette der höchsten 
Primaten "). 

Der verdienstvolle Entdecker de» Fithecemthropus erectus, EooEtc 
DoBOi3, hat nicht allein seine hohe Bedeutung als „Missing link"^ 
tiberzeugend dargelegt, sondern auch in sehr scharfsinniger Weise 
die wichtigen Beziehungen beleuchtet, welche dieses verbindende 
Mittelglied einerseits zu den niederen Rassen des Menschen- 
geschlechts, andrerseits zu den verschiedenen bekannten Arten der 
Menschenaffen besitzt, sowie auch zu der gemeinsamen hypothetischen 
Stammform dieser ganzen Gruppe von Primariern oder Anthro- 
pomorphen. Diese gemeinsame Stammform nennt Ddbois Prolky- 
lobates (Urgibbon); sie wird im Wesentlichen denselben Körper- 
bau besessen haben wie der heutige Gibbon {Hylobates) in Süd- 
Asien, und wie der fossile PUopithecus, dessen versteinerte Ueber- 
reste im mittleren Tertiär-Gebirge von Mittel - Europa gefunden 
wurden (im oberen Miocän von Frankreich, der Schweiz und 
Steiermark). Derselbe stammt ab von einer älteren generalisirten 
Affenform, welche in der älteren Miocäu-Zeit lebte, und welche 
man als den gemeinsamen Stammvater sämmtlicher Ostaffen be- 
trachten kann, sowohl der geschwänzten Cynopitheken, als der schwanz- 
losen Anthropomorphen. Unter diesen letzteren kennen wir jetzt 
sowohl lebende Gibbon- Arten , welche dem PUopithecus noch sehr 
nahe stehen, als auch tossile Menschenaffen, welche direct zum 
Piihecanikropus hinüber führen; eine solche Zwischenform ist der 



^ 



- 18 — 

Palaeopithecus sivalensis, dessen Skelett in den jüngsten Tertiär- 
Schichten Ostindiens gefunden wurde, in dem pliocänen Siwalik- 
Gebirge. 

Für die richtige Beurtheilung des bedeutungsvollen Pithecanthropus 
und seiner Mittelstellung zwischen den Menschenaffen und Menschen 
sind zwei Verhältnisse besonders werthvoU; erstens die ganz 
menschenähnliche Bildung des Oberschenkels, und zweitens die 
relative Grösse des Gehirns. Unter den wenigen heute noch 
lebenden Menschenaffen gelten die Gibbons (Hylobates) zwar als 
die niedersten und ältesten, welche der gemeinsamen Stammform 
aller Anthropomorphen am nächsten stehen ; sie sind aber auch am 
meisten Generalisten und erscheinen vorzüglich geeignet, die 
„Transformation des Affen in den Menschen" zu erläutern. Die 
Gibbons haben mehr als die anderen lebenden Anthropoiden die 
Gewohnheit, freiwillig den aufrechten Gang anzunehmen, wobei die 
Füsse mit der ganzen Sohle auftreten und die langen Arme als 
Balancirstangen benutzt werden. Dagegen sind die anderen modernen 
Menschenaffen (Orang, Schimpanse und Gorilla) viel weniger geneigt, 
den aufrechten Gang zu versuchen, und sie treten dabei gewöhnlich 
nicht mit der vollen Fusssohle auf, sondern mehr mit deren Aussen- 
rand; auch in anderer Beziehung tragen sie mehr den Charakter 
von Specialisten, den besonderen Bedingungen ihrer kletternden 
Lebensweise auf Bäumen angepasst. So erklärt es sich, dass gerade 
der Oberschenkel bei Bylobates und bei Pithecanthropm weit mehr 
der menschlichen Bildung sich nähert als derjenige des Orang, 
Gorilla und Schimpanse. 

Aber auch der Schädel, dieses „geheimniss volle Gefäss" des 
Seelenorgans, nähert sich beim Pithecanthropus, ebenso wie beim 
Gibbon, in wichtigen Beziehungen am meisten den menschlichen 
Verhältnissen. Es fehlen die derben Knochenleisten, welche den 
Schädel der übrigen Anthropoiden auszeichnen. Die relative Grösse 
des Gehirns ( — im Verhältniss zur gesammten Körpergrösse — ) 
ist bei diesen letzteren niu* halb so gross als beim Gibbon. Der 
Raimiinhalt des Schädels beträgt beim Pithecanthropus zwischen 
900 und 1000 Kubikcentimeter, also ungefähr zwei Drittel von der 
Capacität einer mittelgrossen menschlichen Schädelhöhle. Dagegen 
erreicht derselbe bei den grössten lebenden Anthropoiden höchstens 
die Hälfte von ersterem, 500 Kubikcentimeter. Somit steht die 
Schädel - Capacität , also auch die Gehirngrösse , beim Pithecan- 
thropus genau in der Mitte zwischen derjenigen der Menschen- 
affen und der niederen Menschenrassen; und dasselbe gilt für die 
charakteristische Profillinie des Gesichtes. Man vergleiche damit 
den Schädel der niedersten, am meisten pithecoiden Menschen- 



- 19 — 

Rassen. Unter diesen sind besonders die noch lebenden Pygmäen, 
die kleinen Weddas von Ceylon und die Akkas von Ceiitral-Afrika 
von grosBem Interesse'^). Die unbefangene Vergleichung aller 
dieser anatomischen Tbatsachen bezeugt unzweideutig den Charakter 
des Pithecantkropus als einer wahren „Uebergangsform vom 
Menschenaffen zum Menacben"; er ist in Wahrheit da* 
vielgesuchte und von Vielen als höchst wichtig betrachtete „fehlende 
Glied" in der Kette unserer Primaten- Ahnen, das vielbesprochene 
„Missing Uni'' ! 

Den hartnäckigsten Widerspruch gegen diese folgenschwere, 
jetzt von fast allen sachkundigen Naturforschern angenommene 
Deutung erhob von Anfang au der berühmte Berliner Pathologe 
Rudolf Virchow. Er reiste zu dem besonderen Zwecke nach 
Leyden, die Uebergangs-Bildung des Pithecanthropus zu widerlegen; 
indessen hatte er mit seinen Angriffen kein Glück. Seine Behaup- 
tung, daaa der Schädel und der Oberschenkel vom Pithecanthropus 
nicht zusammengehören, dass der erstere einem Affen, der letztere 
einem Menschen angehöre, wurde sofort von den anwesenden sach- 
kundigen Paläontologen widerlegt; sie erklärten auf Grund des 
höchst sorgfilltigeu und gewissenhaften Fundberichtes einstimmig: 
„es könne nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass die 
betreffenden Funde von einem und demselben Individuum her- 
rühren". ViRoaow behauptete ferner, dass eine krankhafte Knochen- 
wucheruug am Oberschenkel des Pithecanthropus seine menschliche 
Natur deutlich beweise; denn nur durch aorgsame Pflege von 
Menschenhand hätte der Kranke genesen können. Gleich darauf 
zeigte der berühmte Paläontologe Marsh eine Anzahl von ähn- 
lichen Exostosen an Schenkelknochen wilder Affen, die keine 
„Krankenpflege" genossen hatten und trotzdem geheilt waren. Jede 
grössere osteologische Sammlung enthält übrigens ähnliche Präparate ; 
erfahrene Jäger wissen, daas auch Knochenbrüche und Knochen- 
entzündungen von Füchsen, Hasen, Hirschen, Reben u. s. w. ganz 
gut in freiem Zustande heilen können ohne Pflege von Menschen- 
hand. Endlich behauptete Viechow, dass die tiefe Einacbnilrung 
zwischen dem Oberrand der Augenhöhlen und dem niederen Schädel- 
dach des Pithecanthropus — ein Zeichen für sehr tiefe Bildung der 
Schläfengruben — für seine Affennatur entscheidend sei, und 
dass diese Bildung beim Menschen niemals vorkomme. Wenige 
Wochen später zeigte der Paläontologe Nkhkino (der von 
Anfang an die richtige Deutung von Ddbois vertreten hatte), 
dass ganz dieselbe Bildung an einem Menscher schädel von Santos 
in Brasilien vorhanden war'*). 

Ebenso wenig Glück hatte Virohow mit seiner „pathologischen" 



ll 



— 20 — 

Deutung von Schädeln niederer Menschen-Rassen schon früher ge- 
habt. Die berühmten Schädel von Neanderthal, von Spy, von 
Moulin-Quignon, von La Naulette u. s. w. — sämmtlich interessante 
vereinzelte Ueberreste von ausgestorbenen niederen Menschen-Rassen, 
welche zwischen dem PilJiecanthropus und den niedersten Menschen- 
Rassen der Gegenwart standen — , sie alle wurden von Vibohow 
für abnorme krankhafte Bildungen, für pathologische Producte er- 
klärt; ja zuletzt gelangte der scharfsinnige Pathologe, zu der un- 
glaublichen Behauptung, dass „alle Variationen organischer 
\\ Formen pathologisch", nur durch Krankheit hervorgebracht 

seien. Demnach sind alle unsere veredelten Cultur-Producte, die 
Jagdhunde und Rennpferde, das veredelte Getreide und das feine 
Tafelobst, lediglich kranke Naturobjecte, durch pathologische 
Veränderung aus den allein „gesunden" wilden Urformen entstanden. 
Um diese seltsamen Behauptungen von Vibchow begreiflich 
zu finden, muss man bedenken, dass derselbe seit mehr als dreissig 
Jahren als seine wissenschaftliche Hauptaufgabe die Widerlegung 
des Darwinismus und der gesammten damit verknüpften Ent- 
wicklungslehre betrachtet. Mit grösster Hartnäckigkeit vertheidigt 
:er die Constanz der Species, die jetzt von allen urtheilsfilhigen 
Naturforschem aufgegeben ist; worin nun aber das Wesen und der 
Begrifi* der „wahren Art" oder Species liegt, vermag er so wenig 
zu sagen wie irgend ein anderer Gegner des Transformismus. Die 
wichtigste Consequenz des letzteren, die „Abstammung des Menschen 
vom Affen", bekämpft Vibohow bekanntlich mit ganz besonderem 
Eifer und Nachdruck : „Es ist ganz gewiss, dass der Mensch 
nicht vom Affen abstammt." Diese Behauptung des Berliner 
Pathologen wird seit zwanzig Jahren in theologischen und anderen 
Zeitschriften — angeblich als entscheidendes Urtheil höchster 
Autorität! — unzählige Male wiederholt — unbekümmert darum, 
dass jetzt fast alle urtheilsfähigen Sachkenner die entgegengesetzte 
Ueberzeugung vertreten. Nach Vibohow ist der „Affenmensch" nur 
„im Traume vorstellbar" ; die versteinerten Reste des Fithecanthropuf^ 
sind die handgreifliche Widerlegung jener unbegründeten 
Behauptung^'). 

Wie sehr gerade die grossartigen Fortschritte der Paläonto- 
logie in den letzten dreissig Jahren auch sonst für unsere Pithe- 
coiden-Theorie fruchtbar geworden sind, zeigt am besten das Bei- 
spiel der Primaten -Legion selbst. Cüvieb, der Begründer der 
wissenschaftlichen Petrefactenkunde, behauptete bis zu seinem Tode 
(1832), dass es keine Versteinerungen von Affen gebe; den einzigen 
fossilen Halbaffen, dessen Schädel er beschrieb (Adapis), hielt er 
irrthümlich für ein Hufthier. Erst 183G wurden in Indien die ersten 



- 21 — 

verstemerten Reste von Äffen gefunden, 1838 der MesopUhecvs 
pentkelieus bei Athen und erst 1862 weitere Reste von fossilen 
Halbaffen. In den letzten Leiden Decennien aber sind uns durch 
die Entdeckungen von Gaüdry, Filhol, Schlosses, besonders aber 
durch die reichen Fimde der amerikanischen PalSontologen Marsh, 
CopE, Leidy. Osborn, Ameghino u. A. so zahlreiche ausgestorbene 
Primaten bekannt geworden, dass wir jetzt einen befriedigenden 
allgemeinen Einblick in die reiche Entwicklung dieser höchsten 
Säugethier-L^ion während der Tertiärzeit gewonnen haben. Mit 
hoher Bewunderung habe ich kürzlich in London die lehrreiche 
Serie von fossilen Herrenthieren betrachlet, welche in den herrlichen 
pal 80 nto logischen Sälen des Museum of Natural History in South 
Kensington aufgestellt sind, darunter ein riesiger fossiler Halbaffe, 
welcher der menschlichen Statur nahe kam, und welchen FoasvTH 
Major erst kürzlich auf der Insel Madagascar entdeckte {Megaladapis 
I mndagascariensis). 

Als wichtigster Unterschied zwischen den beiden Hauptgruppen 
I der echten Affen gilt noch beute, wie zu CtiviBE's Zeit, die charakte- 
l ristische Gebissbildung. Der Mensch besitzt zweiunddreissig Zähne 
I von sehr charakteristischer Bildung und Anordnung, gleich sänamt- 
* liehen üstaffen. Die Westaffen dagegen haben sechsundreissig Zähne, 
nämlich einen Luckenzahn mehr in jeder Kieferhälfte, Die ver- 
gleichende Zahnkunde war zu der phylogenetischen Hypothese be- 
rechtigt, dass diese Zahl durch Rückbildung aus einer höheren 
Zahnformel entstanden sei, aus vierundvierzig ZäJinen; denn diese 
typische Gebissform (in jeder KieferhHlfte drei Schneidezähne, 
ein E^ikzahn, vier Lückenzähue und drei BackzähneJ ist allen 
jenen älteren Säugethieren der EocÄnperiode gemeinsam, welche 
r als die Stammformen der Hauptgruppen der Zottenthiere (Placen- 
I talia) betrachten: Lemuravida, Condylarthra, Esthonychida und 
I I(^top8ida. Diese vier alttertiären Stammformen der Herrenthiere, 
I der Hufthiere, der Nagethiere und der Raubthiere stehen sich im 
I gesammten Körperbau so nahe, dass wir sie in einer gemeinsamen 
Stammgruppe der Placen tallhiere vereinigen können, der IJr- 
I zottenthiere (Prockoriaia). Mit grosser Wahrscheinlichkeit 
knüpfen wir jetzt daran die weitere monophyletische Hypothese, 
dass alle Zottenthiere oder l'Iaeentalien — von den niedersten 
Prochoriaten bis zum Menschen hinauf — von einer gemeinsamen 
unbekannten Stammform der Kreidezeit abstammen, und dass 
dieses älteste Zottenthier aus einer älteren, in der Juraporiode 
lebenden Beutelthicr-Gruppe entsprungen war. 

Nun besitzen wir aber unter jenen zahlreichen fossilen Halb- 
I äffen, die erst in den letzten beiden Decennien gefunden sind, in 



_ 22 — 

der That alle die gewttnacliten Zwiachenglieder, alle die 
„Missiog links", welelie von der phyletiachen Gebisakunde gefordert 
wurden. Die ältesten Prosimien der Tertiärzeit, die alt-eocänen 
Pachylemuren (oder Hyopaodinen), haben noch die uraprün glichen 
vi erund vierzig Zähne der Piacentalien- Stamm gruppe, in jeder Kiefer- 
hälfto oben und unten drei Schneidezähne , einen Eckzahn , vier 
Lücken Zähne und drei Backenzähne. Ihnen folgen die eocftnen 
Necrolemuren (oder Adapiden) mit vierzig Zähnen; sie haben 
einen Schneidezahn in jeder Kieferhälfte verloren. An diese Bchlieasen 
sich die jüngeren Autolemuren (oder Stenopiden) an mit eecha- 
unddreissig Zähnen (ein Prämolar weniger); sie haben also bereits 
dieselbe Zahnformel wie die Platyrrhinen, die amerikanischen Affen. 
Das GebisB der Catarrhinen ist aus diesem durch Verlust eines 
zweiten Prämolaren entstanden. Diese Beziehungen sind so klar, 
und sie gehen ao deutlich Hand in Hand mit der Umbildung des 
ganzen Schädels und der stärkeren Ausbildung der typischen 
Primatenlbrm , dass wir sagen dürfen: Die allgemeinen Grundzüge 
des Primaten-Stammbaums von den ältesten eocänen Halbaffen bis 
zum Menschen hinauf liegen innerhalb der Tertiärzeit klar vor 
unseren Augen; da glebt es kein wesentliches „fehlendes Glied" 
mehr. Die pbyletische Einheit des Primaten -Stammes, 
vom alte aten Lern uren bis zum Menschen hinauf, ist eine historische 
Thatsache. 

Anders verhält es sich, wenn wir die Tertiärzeit verlassen, 
und in der Secundärzeit die ältere Ahnenreihe der Säugethiere auf- 
suchen. Da stosaen wir allenthalben auf empündüche Lücken der 
paläontologisehen Urkunde, und die verhältniasmässig sehr geringen 
Reste der mesozoischen Säugethiere {besonders spärlich in der Kreide) 
sind zu dürftig, um bestimmte Schlüsse über die systematische 
Stellung der betreffenden Mam mallen zu gestatten. Allerdings 
zwingt uns die vergleichende Anatomie und Ontogenie zu der An- 
nahme, dass die cretassischen Piacentalien von jurassischen Marau- 
pialien abstammen und diese von triassischen Monotremen. Wir 
können auch darauf hin vermutheu, dass unter den unbekannten 
Zottenthieren der Kreide sich Lemiu-aviden und andere Procboriaten 
befanden, dass die Amphitheriden des Jura deren Beutel thier-Ahnen 
waren, und dasa die Monotremen- Ah neu dieser letzteren unter den 
Pantotberien der Triaszeit zu suchen sind. Aber sichere Beweise 
für diese phyletischen Hypothesen liefert uns die Paläontologie bis 
jetzt nicht, Nur die eine wichtige Erkenntniss wird durch sie be- 
stätigt, dass die ältesten Säugethiere des mesozoischen Zeitalters, 
die Pantotberien und AUotherien der Trias, kleine, niedrig organi- 
airtCj meist inaoctenfressende Thiere waren, welche die Ableitung 



i 



- 23 - 

1 älteren Wirbel thieren, von Reptilien oder Amphibien, gestatten. 
Auch widersprechen sie nicht der Annahme, dass die ganze 
Classe der Sftugethiere, von den ältesten Mono tremen bis 
zum Menschen hinauf, monophyletisch ist, dass alle Glieder 
derselben von einer einzigen gemeinsamen Stammform abzuleiten sind. 
Diese positive Ueberzeugung von der phyletiachen Ein- 
heit der Säugethier-Claase, von ihrem gemeinsamen 
Ursprünge aus einer einzigen ausgestorbenen Stammgruppe , wird 
jetzt von allen sachkundigen Zoologen getheilt, und ich halte 
sie für einen der grösaten Fortschritte der modernen Thierkunde. 
Gleichviel, welches Organsystem der verschiedenen Mammalien- 
Ordnungen wir vergleichend betrachten, überall finden wir diese 
typische Uebereinstimmung in den wesentlichen Merkmalen des 
gröberen und feineren Baues. Nur bei deu Säugethieren ist die 
Haut mit echten Haaren bedeckt, weashalb Oken dieser Classe den 
Namen „Haarthiere" gab. Nur in dieser Classe findet sich alt- 
gemein jene merkwürdige Art der Brutpflege, die Ernährung des 
neugeborenen Kindes durch die Milch der Mutter. Hier liegt die 
physiologische Quelle jener höchsten Form der Mutterliebe, 
welche einen so bedeutungsvollen Einflusa auf das Familienleben 
der verschiedenen Säugethiere, wie auf die Cultur und das höhere 
.Seelenleben des Menschen ausgeübt hat. Von ihr singt der Dichter 
Chamiaso mit Recht: 

„Nur eine Muttor, die d« liebt 

Das Kind, dem sie die Nahrimg gieLit, 

Nur eine Mutter weisa allein. 

Was lieben heisst nnd glöcklieh aein." 
Wenn die Madonna uns als das erhabenste und reinste Ur- 
bild dieser menschlichen Mutterliebe erscheint, so erblicken wir 
andererseits in der „AfTenliebe", in der übertriebenen Zärtlichkeit 
der Affenmütter, das Gegenstück eines und desselben mütterlichen 
Instinctea. Die langsame Entwickelung desselben im Laufe vieler 
Jahrmillionen, von der Triasperiode bis zur Gegenwart, geht 
Hand in Hand mit einer ganzen Reihe von wichtigen Umbildungen. 
Denn die Anpassung des neugeborenen Säugethieres an das 
Milchaaugen hat ebensowohl an seinem eigenen Körper, wie an 
demjenigen seiner Mutter eine Reihe von b.edeutungs vollen Ver- 
änderungen hervorgerufen. Während sich in der mütterlichen 
Haut die Milchdrüse durch Reizung und Differenzirung aus 
einer Gruppe von gewöhnlichen Hautdrüsen entwickelte, entstand 
durch die Saugbewegungen des kindlichen Mundes das Gaumen- 
segel und weiterhin der Kehldeckel — zwei Schlundorgane, welche 
nur den Säugethieren zukommen. Im Zusammenhang damit Ter- 



— 24 — 

änderte öicli der Meclianismus der Athmung; das zeigt sicli sowohl 
im feineren Bau der Lunge, als in der Ausbildung eines vollstän- 
digen Zwerchfells. Nur bei den Sttugetbieren bildet dieses 
musculöse Diaphragma eine vollkommene Scheidewand zwischen 
Brusthöhle und Bauchhöhle ; bei allen älteren Wirbelthieren bleiben 
beide Höhlen in offenem Zusammenhang. Aber auch an dem 
Knot:hengerü.6te doB Körpers und vor Allem am Schädel treten in 
Folge dessen wichtige Umbildungen ein. Wohl die merkwürdigste 
von diesen ist die Umbildung des Kiefergelenks, durch die 
sich die Säugethiere höchst auffallend von allen übrigen Wirbel- 
tiiereo unterscheiden. Das GSelenk, in welchem ihr Unterkiefer 
sich am Schläfenbein bewegt, ist ein Temporalgelenk, während das 
ursprüngliche Gelenk ihrer Reptilien- und Amphibien-Ahnen ein 
Quadratgelenk war. Dieses letztere ist bei den Mammalien in die 
Trommelhöhle hineingerückt und vermittelt hier die Verbindung 
der beiden ihnen eigenthümlichen Gehörknochen , Hammer und 
Aioboss; der Hammer ist aus dem ursprünglichen Gelenkatück des 
Unterkiefers entstanden, der Amboss dagegen aus dem Quadratbein 
oder Kieferstiel der Reptilien- Ahnen. 

Aber abgesehen von diesen und anderen anatomischen Eigen- 
tliUmlichkeiten, welche allen Säugethieren gemeinsam sind und sie 
über alle anderen Wirbelthiere erheben, gentigt zur Erkenntniss 
dieses Unterschiedes die Betrachtung eines einzigen Blutstropfens 
unter dem Mikroskop. „Blut ist ein ganz besonderer Saft!" 
Die kleinen rothen Blutzellen, welche, zu Milliarden angehäuft, die 
ro'he Bluttarbe der Wirbelthiere bedingen, sind ursprünglich überall | 
elliptische Scheiben, in der Mitte dicker (biconvex), da hier dei 
Zellkern liegt. Nur bei den Säugethieren haben dieselben den 
Zollkern eingebüsst und erscheinen daher in der Mitte dünner 
(biconcav), als kleine, kreisrunde Scheiben. Diese und andere 
wichtige Eigen thiinilichkeiten kommen sämmtlichen Säugethieren 
ohne Ausnahme zu, und uateracheiden sie von allen anderen 
Wirbelthieren; in ihrer eigenthümlichen Vereinigung und Wechsel- 
beziehung können sie nur einmal im Laufe der Stammesgeschichte 
erworben und nur von einer Stammform auf alle Glieder der 
Classe durch Vererbung übertragen aern'^). 

Der ältere Theil ■ unserer menschlichen Stamm esgeschichte führt I 
uns noch weiter hinab in das Gebiet der niederen Wirbel- 
thiere, in jenen dunkeln, unmessbar langen Zeitraum der { 
paläozoischen Aera, dessen ungezählte Jahrmillionen (nach 
neuesten Schätzungen gegen tausend !) jedenfalls viel länger 1 
waren als das folgende mesozoische Zeitalter. Hier stosaen wir 
zunächst auf die hochwichtige Thatsache, daas in dem jüngsten 



Abschnitt dsr paläozoiachen Periode, in der permisclien Zeit, 
nocK keine Säugethiere cxiatirten, wohl aber lungenatlimende 
Reptilien, als älteste Amnionthiere. Sie gehören theiis zu den 
Tocosauriem, der ältesten und niedersten Reptiliengruppe, theiis zu 
den seltaamen Theromcren, welche sich durch viele Merkmale den 
SKugethieren nilliern. Diesen Reptilien gehen voraus in der älteren 
Stein kohlen zeit die echten Amphibien, und zwar die gepanzerten 
Stegocephalen. Solche carboniache Panzerlurche, kleinen Crocodilen 
ähnlich, sind die ältesten Wirbelthiere , die sich der kriechenden 
Ortabewegung auf dem festen Lande anpassten, und bei denen die 
Flossen der schwimmenden Fische und Fischlurche fDipoeusten) 
in die typische fünfzehige Extremität der Vierfüsser (Tdrapoden 
oder Quadrupcden) umgebildet wurden. 

Wir brauchen bloss aufmerksam das Skelett der vier Beine von 
unseren Salamandern und Fröschen mit dem Knochengerüst unserer 
eigenen vier Gliedmaassen zu vorgleichen, um uns zu überzeugen, 

I dass schon bei jenen Amphibien dieselbe charakteristische und 

I «igenthümliche Bildung besteht, die sich von ihnen auf alle Sauro- 
psiden und Mammalieii durch Vererbung tibertragen hat: derselbe 
Schul lergürtel und Beckengttrtel, derselbe einfache Röhrenknochen 
im Oberarm und Oberschenkel, dasselbe Knochenpaar im Vorder- 
arm und Unterschenkel, dieselbe verwickelte Knochen Verbindung 
in Handwurzel und Fueswurzel, dieselbe typische Gliederung der fünf 
Finger und der fünf Zehen. Diese augenfällige Ueberelnstimmung 
dem gesammten Gefüge der Knochengerüsts bei allen höheren 
ertüssigen Wirbelthieren tiel schon vor mehr als hundert Jahren 

' vielen denkenden Beobachtern auf; sie regte unter Anderen unseren 
grössten Dichter und Denker, Goethe, zu jenen merkwürdigen Be- 
trachtungen über Morphologie der Thiere an, die wir geradezu 
als Vorläufer der modernen Ideen von Dabwin betrachten dürfen*). 
Wir können in der That es als ein sicheres Zeichen der Ab- 
stammung des Menschen von ältesten fünfzehigen oder pentadac- 
tylen Amphibien bezeichnen, dass wir noch heute an unserer 
Hand fünf Finger besitzen, an unserem Fusse fünf Zehen. Der 

I Mensch und die meisten Primaten (nicht alle!) haben in diesen 
und in anderen Beziehungen die ursprünglichen Bildungs-Ver- 
hältnisse durch conservalive Vererbung viel getreuer bewahrt 
als die Mehrzahl der anderen Säugethiere, namentlich die Hufthiere. 
Unter letzteren sind z. B. einerseits die einzehigen Pferde, anderer- 
i die zweizehigeu Wiederkäuer viel stärker imi gebildet und 

f Bpecialisirt als die fünlzehigen Herrenthiere. 

Die Ältesten carbonischen Amphibien, die gepanzerten 

L Stegocephalen (und speciell die merkwürdigen, von Ckkdneb entdeckten 



Branckiosaurier) werden jetzt wohl von allen urtheilafUhig* 
Zoologen mit vollem Rechte als die unzweifelhafte gemeinsame 
Stammgruppe aller Vierfüsaer (Tctrapoden oder Quadru- 
peden) betrachtet, aller Amphibien und Amnioten. Wo hat aber . 
diese bedeutungsvolle Gruppe selbst ihren Ursprung genom 
Auch auf diese Frage haben uns die gewaltigen Fortschritte dei 
modernen Paläontologie eine befriedigende Antwort ertheilt, 
diese Antwort steht wiederum in schönstem Einklänge mit dra 
älteren Ergebnissen der vergleichenden Anatomie und Ontogenie 
Schon vor vierunddrelasig Jahren hatte in Jena der ers 
lebende Meister der vergleichenden Anatomie, Cabl Geoenbaüb, 
in einer Reihe von classiachen Arbeiten gezeigt, wie die wichtigsten 
Skelettheile der Wirbelthiere, vor Allen Schftdel und Gliedraaassen, noch . 
heute in der Classenfolge der lebenden Wirbelthiere uns eine zviii 
sammenhängende Scala von phyletischeu Entwi ekeln ngs stufen offen-i 
baren. Von den tiefer stehenden Cyclostomen abgesehen, sind es voiv 
nehmtich die echten Fische, und unter ihnen wieder die TJrfischfl 
oder Selachier (Haifische und Rochen), welche in den wesent« 
liehen Verhältnissen des Körperbaues die ursprünglichste Bildun| 
am getreuesten bewahrt haben. An die Selachier schliessen sich 
unmittelbar die Oanoideu oder Schmelzösche an, besonders die 
Crossopterygier, welche uns zu den Dipneusten hinüber führen. 
Unter diesen letzteren ist neuerdings besonders der australische 
Ceratodus bedeutungsvoll geworden, mit dessen Anatomie und Onto- 
genie uns Gontheb und Semon so genau bekannt gemacht hab 
Von dieser Uebergangsgruppe der Dipneusten oder Lurchfisc 
d. h. Fischen mit Lungen, aber noch mit Flossen, ohne fünfzehig) 
Gliedmaassen , ist die morphologische Brücke zu den ältesten i 
phibien leicht zu finden. Nun entsprechen aber dieser anatomisch^ 
Kette genau die paläontologischen Thatsachen: Selachier und ' 
noiden finden sieh schon im Silur, Dipneusten im Devon, Amphib 
im Carbon, Reptilien im Perm, Mammalien in der Trias. (Wer^ 
die Tabelle und Anm. 3— 5, S. 36.) Das sind historische Tha 
Bachen ersten Ranges; sie bezeugen in erfreulichster Weise t 
Stufengang der Vertebraten-Entwickelung , wie er durch die n 
gleicliend - anatomischen Arbeiten von CoviEB und Meckbl, 
Johannes M[!lleb und Geqembaus, von Owen, Hüxlex und Flow 
gewonnen worden ist. Die historische Successio 
Haiiptstufeu des Wirbelthier-Stammes ist damit d 
festgestellt, und dieser Gewinn ist Tür die Erkenntnis unsei 
uienschlichen Stammbaums viel wichtiger, als wenn es geluogi 
wäre, in hundert fossilen Skeletten von Halbaffen und Afien « 



ganze Serie unserer tertiären Primaten -Ahnen uns vollständig im 
Zusammenhang vor Augen zu führen. 



Viel schwieriger und dunkler ist der älteste Theil unsej-er 
Stammesgesohichte, die Ableitung des Wirbelthierstammea von einer 
Reihe wirbelloser Vorfahren. Da diese sämmtlich keine 
harten und versteinerungsföhigen Skelettheile besitzen (ebenso 
wie die niedrigsten Vertebraten, die Cycloatomen und Äcranier), 
feilt hier das Zeugniss der Paläontologie gänzlich aus; wir sind 
aliein auf die anderen beiden grossen Urkunden der Stammes- 
geschichte angewieaen, auf die vergleichende Anatomie 
und Ontogenie, Freilich ist aber deren Werth auch hier viel- 
fach ao gross, dass sie fllr jeden sachkundigen und urtheilsfilhigen 
Zoologen das hellste Licht auf viele grosse Züge unserer älteren 
Phjlogenie werfen. Vor Allem gilt das von den weitreichenden 
SchlÜBsen, welche die moderne vergleichende Ontogenie mit Hülfe 
des biogenetischen Grundgesetzes seit dreissig Jahren 
gezogen hat. Schon die ältere Embryologie hatte durch die grund- 
legenden Arbeiten von Baer und Bischoff, von Remak and KfiLLiKEU, 
die Grundziige der Vortrebraten-Entwickelung klar gelegt. Dazu 
kamen 1866 die wichtigen Entdeckungen von Kowalevskv, welche 
die Ahnung von Goodsir bestätigten und auf die nahe Verwandt- 
schaft der Vertebraten und Tuuicaten liinwieaen; die vergleichende 
Anatomie und Ontogenie des Amphioxus und der Ase idie 
wurde seitdem der feste Ausgangspunkt fUr alle weiteren Forschungen 
über unsere wirbellosen Vorfahren*). 

Fünfjährige Untersuchungen über Bau und Entwicklung der 
Kalkscbwämme {1867 — 1872) hatten mich zu jener Zeit zur Reform 
der Keim blatte rtheorie und zur Aufstellung der Gast raea-Theorie 
geführt; ihr erster Entwurf erschien 1872 in meiner Monographie 
der Kalkschwämme oder Calcispongien, Die wichtigste Unterstützung 
und fruchtbarste Fortbildung erhielten diese Anschauungen durch die 
ausgezeichneten vergleichenden Forschungen vieler anderer Embryo- 
logen, vor Allen von E. Ray-Lankestbr und von Fhanois Balfoür, 
sowie der Gebrüder Osoae und KtcHAitn Hebtwio. Ich zog schon 
damals aus jenen vergleichenden Untersuchungen den Schluss, dass 
die ersten Stufen der embryonalen Entwicklung bei allen Metazoen 
oder gewebebildenden Thieren im Wesentlichen gleich sind, und 
daas wir daraus bestimmte Anschauungen über die gemeinsame 
Abstammung und die älteren Ahnenreihen derselben gewinnen 
können. Das einzellige Ei wiederholt den unicellaren Zustand der 
Protozoen- Ahnen ; die Keimform der BJasiuIa entspricht einer 
Volvox oder Magospkaera ähnlichen Ahnenform; die Gastrula ist 



- 28 — 

die erbliche Wiedei'holung der Gasiraea, der gemeinsamen Stamm- 
form Bämmtlieber Metazoen. Alle diese typischen Ahnenformen 
theilen wir Menschen mit den übrigen Metazoen, d. h. mit allen 
anderen Tbieren, ausgenommen die einzeUigen Protozoen. Jeder 
Mensch ohne Ausnahme beginnt seine individuelle Existenz in Ge- ( 
stalt einer kugeligen Eizelle, die dem blossen Auge kaum ab J 
ein feines Pünktchen sichtbar ist, und die besonderen Merkmale I 
dieser Eizelle sind beim Menschen genau dieselben wie bei allen i1 
übrigen Säugethieren'*). 

Der dunkelste Theil unserer menschlichen Stammesgeschichte 
ist derjenige Abschnitt, welcher zwischen der Gastraea und dem 
Amphiaxus Wegt. Amphioxus selbst, der berühmte Lanzelot 
oder „das Lanzetthier", deBsen fundamentale Bedeutung schon sein 
erster genauer Darsteller, der grosse Johannes MCIlleb, erkannte,! 
ist das unschätzbarste Docuraent der Vertebraten-Phylogenie. Wir I 
dürfen ihn zwar nicht direct als gemeiuBamen Stammvater der- 
selben betrachten, wohl aber als einen nahen Verwandten desselben, 
und als einzigen lebenden Ueberrest der Acranier-Classe. Wären 
die Amphioxiden zufitllig ausgestorben, gleich zalilreichen anderen j 
Gliedern unserer Ahnenkette, so wurden wir kaum im Stande e 
eine sichere Anschauung von den älteren Vorstufen der Vcrtebraton- 1 
Bildung zu gewinnen. Nach oben schliesst sich Anipliioxus eng an I 
die jugendliche Larve der Rundmäuler oder Oyclostomen an.' 
D;vB sind die ältesten Schädelthiere (Cranioia), die ersten Wirbel- * 
thiere, bei denen Schädel und Gehirn zur Ausbildung gelangten. 
Diese Oyclostomen (zu denen das bekannte Neunauge, Petromyeon, 
gehört) sind zugleich die präsiluriachen Vorfahren der Fische. Nach 
unten hin deutet die Uebereinstimmung in der Ontogenie des i 
Amphioxus undder Ascidie auf eine unbekannte ältere Gruppe voiil 
Chordathieren , auf Prochordonier, aus denen einerseits dieJ 
Mantelthiere, andererseits die Wirbelthiere hervorgingen. Diese | 
Prochordonier oder „Ur-Cho rd ath i ere" selbst können wi 
unserem modernen phyletischen System von den Frontoniem ab-j 
leiten, einem Zweige der Vermalien oder der „Wurmthiere" 
im engeren Sinne. Der isolirt stehende Bfi^anoj^ossMS und die alten] 
Ncmertinen dürften denselben nahe verwandt sein. Sicher hat j 
zwischen diesen Wurmthieren und der Staramgruppe der Gastraeaden 
eine lange Reihe von Zwischenformen in cambrischer und lauren- 
ti^icher Zeit existirt, und wir vermuthen, dass ältere Käder- 
t h i er c h e n (Eolaioria) und Strudelwürmer (Turbellaria) 
jene Reihe gehörten. Aber sichere Hypothesen lassen sieh zuüj, 
Zeit darüber nicht näher begründen, und hier kl&flt wirklich e 
weiter leerer Raum in unserer menschlichen Stammesgeschichte, 



— 29 — 

Allein diesen und anderea dunkeln Abschnitten unserer Stammea- 
geschichte eteben jene klaren und bedeutungsvollen AufschllissB 
gegenüber, welche uns die reichen Ergebnisse der vergleichenden 
Anatomie, Ontogenie und Paläontologie innerhalb des Wirbel- 
thierstammes geliefert haben, und vor Allem innerhalb seiner 
höchsten Klasse, der Säugethier«. Alle zuverlässigen neueren 
Forschungen haben hier ilbereinstimraend den Satz bestätigt, den 
achon LiMAKCK, Darwin und Hdxlev als den wichtigsten Folge- 
Bchluss des Tran stbrmi 301 ua behaupteten, den Satz, daas die un- 
mittelbaren Placentalien- Ahnen des Menschen eine Reihe von tertiären 
Primaten waren, und die näehststehendcn die Menschenaffen, die 
anthropomorpben Catarrhinen. Die sorgfältige kritische Vergleichung, 
, welche die beiden Zoologen Paul und Fbitz Sabasin in ihren 
1 schönen „Forschungen auf Ceylon" (1893) durchgeführt haben, hat 
ergeben, dass die heute noch dort lebenden Weddas, die zwerg- 
haften Urbewohner Ceylons, in primitiven Verhältnissen des Körper- 
baues sich den Mnnschenaifen am ^eisten nähern, und daas unter 
diesen letzteren der Schimpanse einerseits, der Glorilla andererseits 
dem Menschen am nächsten steht '^). Der Gibbon wiederum, als 
niedere und weniger specialisirte Form, zeigt die meiste Ueberein- 
stimmung mit den gemeinsamen miocänen Ahnen aller Anthropo- 
morpben. Diese direute Stamm verwand tschaft ist viel klarer und 
1 sicherer zu begründen als diejenige vieler anderer Säugethiere. 
L Viel dunkler und rätliselhafter ist z. B. der Ursprung des Ele- 
I phanteu, der Sirenen und Cetaceen, der' Edentaten (Gürtelthiere 
1 und Schuppenthiere) in beiden Hemisphfiren. Nicht allein in 
■seinen fünfzehigen Händen und Fttasen, sondern auch in anderen 
anatomischen Merkmalen hat der Mensch die ursprünglichen 
Charakterztige seines Stammes durch Vererbung viel treuer be- 
wahrt als viele andere Sftugothiere, z. B. die Hufthiere, Walthiere 
und Flederthiere. 

Die unermessliche Bedeutung, welche diese sichere Erkenntniss 
' vom Primaten-Ursprung des Menschen filr das Geaaramt- 
gebiet menschlicher Wissenschaft besitzt, Hegt klar vor den Augen 
jedes unbefangenen und conaequenten Denkers, Unter den Philo- 
sophen hat ihren maassgebenden Einfluss auf die gesammte 
Weltanschauung Niemand eingehender begründet als der grosse 
englische Denker Hgbsbbt Spenobb, einer der wenigen Gelehrten 
der Gegenwart, welcher die grUndÜchste naturwissenschaftliche 
Vorbildung mit der tiefsten philosophischen Speculation verknüpft. 
Spbncek gehört zu jenen älteren Naturphilosophen, die schon vor 
Darwin in der monistischen Entwickelungslehre den Zauberschltissel 
fiir die Lösung des Weltrftthsels erkannten. Er gehört auch zu 



— 30 — 

jenen Evolationisten^ welche mit Recht das grösste Gewicht auf die 
progressive Vererbung legen, auf die vielbestrittene „Ver- 
erbung erworbener Eigenschaften/ Wie ich selbst, so hat auch 
Spenceb von Anfang an auf das Entschiedenste die Keimplasmatheorie 
von Weismakk bekämpft, weicher jenen wichtigsten Factor der 
Stammesgeschichte leugnet und dieselbe ausschliesslich durch die 
,AUmacht der Selection** erklären will. In England hat die Theorie 
von Weiskank vielen Beifall gefunden und ist auch als „Neo- 
Darwinismus*' bezeichnet worden, im Gegensatze zu unserer 
älteren Aufifassung des Entwickelungsprocesses , als „Neo-La- 
marckismus**. Diese Bezeichnung ist völlig unberechtigt; denn 
Chablbs Dabwik war von der fundamentalen Bedeutung der pro- 
gressiven Vererbung ebenso felsenfest überzeugt wie sein grosser 
Vorgänger Jean Lamabck und wie Hesbebt Spenceb. Ich hatte 
drei Mal das Glück, Dabwin in Down besuchen zu dürfen, und 
jedes Hai haben wir über diese Hauptfrage unsere übereinstimmenden 
Ansichten ausgetauscht Ich th^e die Ueberzeugung von Hebbebt 
Spenceb, dass die „progressive Vererbung*' ein unentbehr- 
licher Factor der monistischen Entwickelungslehre ist und eines 
ihrer wichtigsten Elemente. Wenn man dieselbe mit Weismann 
leugnet, dann flüchtet man zum Mysticismus, und dann ist es besser, 
die mysteriöse „Schöpfung der einzelnen Arten" anzunehmen. 
Gerade die Anthn>pogenesis liefert dafür unzählige Beweise. 

Wenn wir den heutigen Stand der Anthropogenie vom allge- 
meinsten Gesichtspunkt ^aus betrachten und alle empirischen Argu- 
mente derselben zusammenfassen, dann dürfen wir heute mit vollem 
Rechte sagen: Die Abstammung des Menschen von einer 
ausgestorbenen tertiären Primaten-Kette ist keine 
vage Hypothese mehr, sondern sie ist eine historische 
Thatsache. Natürlich lässt sich diese Thatsache nicht exact 
beweisen; wir können nicht alle die unzähligen physikalischen und 
chemischen Processe nachweisen, welche im Liaufe von mehr als 
Hundert Jahrmillionen allmälig vom einfachsten Monere und 
von der einzelligen Urform bis zum Gorilla und zum Menschen 
hinauf gefuhrt haben ^^). Aber dasselbe gilt auch von allen anderen 
historischen Thatsachen. Wir glauben Alle an die einstmalige 
Existenz von Linke und Laplace, von Newton und Lütheb, 
von Malpiohi und Abistoteles, obwohl dieselbe sich nicht exact 
beweisen lässt im Sinne der modernen Naturlehre. Wir glauben 
fest an die Existenz dieser und vieler anderer Geisteshelden, weil 
wir ihre hinterlassenen Werke kennen, und weil wir die gewaltigen 
Wirkungen derselben in der Culturgesehichte sehen. Diese in- 
directen Argumente besitzen aber keine stärkere Beweiskraft 



— 31 — 

als diejenigen, die wir vorher für die Vertebraten-Geschichte des 
Menschen in Anspruch genommen haben. 

Von vielen mesozoischen öäugethieren der Juraperiode kennen 
wir nur einen einzigen Knochen, den Unterkiefer, und Huxley hat 
sehr schön die Ursachen dieser seltsamen Erscheinung aufgeklärt. 
Wir nehmen Alle als sicher an, dass diese Säugethiere auch noch 
Oberkiefer und andere Knochen besassen, obwohl wir es nicht sicher 
beweisen können. Die sogenannte „exacte Schule" hingegen, welche 
die Transformation der Arten als unbewiesene Hypothese betrachtet, 
muss annehmen, dass der Unterkiefer der einzige Knochen im Leibe 
jener merkwürdigen Thiere war. 

Lassen Sie uns schliesslich noch einen flüchtigen Blick in die 
nächste Zukunft thun! Ich bin fest überzeugt, dass die Wissen- 
schaft des zwanzigsten Jahrhunderts unsere Entwicklungslehre nicht 
allein allgemein annehmen, sondern als die bedeutungsvollste Geistes- 
that unserer Zeit feiern wird. Denn die leuchtenden Strahlen dieser 
Sonne haben die schweren Wolken der Unwissenheit und des 
Aberglaubens zerstreut, welche bisher undurchdringliches Dunkel 
über das wichtigste aller Erkenntniss-Probleme verbreiteten, über 
die Frage vom Ursprung des Menschen, von seinem wahren 
Wesen und von seiner Stellung in der Natur. Der unberechenbare 
Einfluss der natürlichen Anthropogenie auf alle andern Zweige der 
Wissenschaft und der Cultur überhaupt wird die segensreichsten 
Früchte tragen. Das grosse Werk, das in unserem Jahrhundert 
Lamabck begonnen und Darwin vollendet hat, wird für alle Zeit 
eine der grössten Eroberungen des Menschengeistes bleiben; und 
die monistische Philosophie, welche wir auf ihre Ent- 
wicklungslehre gründen, wird nicht nur die Erkenntniss der natür- 
lichen Wahrheiten mächtig fördern, sondern auch ihre praktische 
Verwerthung im Dienste des Schönen und des Guten ! Die feste 
empirische Grundlage dieses Monismus liefert aber die moderne 
phylogenetische Zoologie. 



/ 



Wissenschaftliche Anmerkungen, 
Erläuterungen und Tabellen. 



H a e c k el , Ursprung des Menschen. 



I. 8fst«m der FrlHSten. 

bone Formen — ¥ n»«li lebsnda Orappcn, — © dla bypotbeUKha 

!• W.lflclicliB 8oihOpfiuig»geMhlohte, IX. Aufl. 1896, Vortrig 27; 
nthropogenio, IV. Aufl. 1891, Vortf»g SB.) 



Ordiiuii([CD 


Unterordnungen 










-trrdJm'iMJ Q 




i. Lemuravida 








IPalaJ^urn) 




Alt-Eooan 


I. 


Alta fliltafran 

(aonarsliilMl 

Üraprünglicli Krtllao 


D«„t.,«,-4:|:J:^ 


Alt-EooÄn 


FnMmiM 


Primitive Dentur 


Jung-Eoctn 


fimunij 




■1. Neorolemnrei -f 




ti<r Uebergang zur 




Ad.ip..' -f. 


Orbit« «n dar Tam- 


NuBBlhllduug, T»t- 


Da.t.|«) = 2:|:4:| 


Ptaiflrfap.-. J- 


•InenÄnooJunbogon 




Redueirte Dentur 




ta«nnt. Utorm du- 






p^u. 


plex odkr blDoi-iiU. 
Pl»anta diltui. In- 
dBoldun (muUtannl). 


Uodarne Halb- 




lz*p.7flliw 


kUln, glitt" oilür 


|Spe<iUliateDj 


Special iairte Dentur 


■obwiiiOi gufurobt. 


OowOhnllohalleFiuBBr 








mit NBgBln (au.g«- 










<a.(.<»nsid„) 


(Krallen aa al- 




madiflolrt. 


Dent.„s) = |:8:^:|. 


leuFingern.e,- 




BodBatiaB-ßentur 


lepto Hallnce) 












Plattnasiga 


Dant.,s3| = ?:-{:^:S 


H«p„l. 






Nor am Hallui ein Nagel 






■W.i,t»(ron 






II. 


(Amerika) 


B. Drsroopithooa V 


y»c(,pi»i™i 


BimiM 


Na>enlOüLer ieillioh, 
mit brailam Septum. 
S ZVamo/am.. 


DauMS6,= :|:-|-:|:J 


C,6«. 


Aflon 


Nagel ftn allen Fingern 


.Vrcifri 


(RUM Tal Pitticulxl 




iwo 


OrbiU Kon dar Tam- 




1. CrnopitheoR V 




poril-Orub. durch 




»....M-?:|:J:ä 


Ii™. 


TollillndiggelrtiDiiC. 




Hiist mit Sahirani und 




Ctarui almplex. py- 


Atten 




rlfuniilL FlaiwaU 


&i|.'M.« 


beinmitSoder« Wirbeln. 






Oitaffen 






Onwhl» ntUtW 


(An'lDgaeal 




JViA,*« 


rtua.dukgtrureht. 


Bi.ropa.A.ienu. Afrika 




«.»(NtKnu + 




Nu»nla,'har vorn, mil 
«^bmal«(u S«plam. 


^"^-m-l-^:?,:^ 


1 


Obne Sehwaoi und ahsa 






an allen tlntwrn. 


Backen laieben. Kreui- 


»r,.^*«« 4- 


i 




bain mit S Wirbeln 


FlttinnMFgrM + 



— 35 



2* Stammbamn der Primaten* 



Anthropomorpha 

Aniliropiiii 
Aiiliropoides afrieuiM Homo AnihropoidM atiatieM 

sapiens 



Anthropithecas 

Gorilla ^^^V^^^ 
gina 




Satyras orange 



Homo 
stapidus 



Hjlobates 
agilifl 



Drjopithecus 
fontani 



Pithecanthropus 
alalas 



Flatyrrhinae 
Dysmopiiheea 

Mjcetes 




Pliopithecus 
antiquus 



Catarrhinae 

CfynopithMa 

Semnopithecos 



Ateles 



Cebos 



Njctipitiiecas 




Prothylobates 
atavns 



Aretepiiheoa 
Hapalida 



Lemuravida 

JFVottimtiM gemraUttae 



Cercopithecus 



Papiomorpfaa 
C)mocephjdida 




Lemurogona 

Froiimia$ tpeeialUtmi 



Necrolemures 



Archipitbecos 



Anaptomorpha 



Adapida 




Chirolemures 
Tarsolemures (Cblromys) 

(Tarsius) 



HeerolomnrM 

Aniolomiires 



r—, 1x1 -s. Lemuravida r^ , i 

[U n g u 1 a t a] ^p^yi,„^ [C a r n a s s i a] 



Archiprimas 

Froohoriata 



— 36 — 

8A. Progonotaxis des Menschen 9 Erste Hälfte; 

Aeltere Ahnen-Reihe, ohne fossile Urkunden, vor der Silur-Zeit. 



Haupt« 
Stufen. 



Stammgruppen 
der Ahnen -Beilie 



Lebende Verwandte 
der Ahnen-Stufen 



Palä- 
onto- 
logie 



Onto- 
genie 



Mor- 
pho- 
logie 



1.— 5. Stufe: 

Frotiaten- 
Ahnen 

Einzellige 
Organismen 

1—2: 
Plasmodome 
Protophyten 

8—5: 

Plasmophage 

Protozoen 



1. Monera 
(Plasmodoma) 
Ohne Zellkern 

2. Algaria 
Einzellige Algen 

Hit Zellkern 

8. Loboaa 

Einzellige (Amoebine) 

Rhizopoden 

4. Infusoria 

Einzellige 
Infusionsthiere 

5. Blaataeadea 

vielzellige Hohlkugeln 

(Goenobia) 



1. Chromaoea 
(Ckrooeoccus) 

ütycochromacea 

2. Faulotomea 
PainuUacea 

Eremosphaera 

3. Amoebina 

Amoeba 
Leucocyia 

4. Flagellata 

Euflagellata 
Zoomonadea 

5. CataUacta 
Moffosphaera^ Yolroeina 

BlastuJa! 






IP 





IP 





11 





p 





11! 



n 



in 



6.— 11. Stufe: 

"Wirbelloae 

Metasoen- 

Ahnen 

6—8 

Coelen teilen, 

ohne After und 

Leibeshohle 

9—11: 
Yermalien, 
mit After und 
mit Leibes- 
hohle 



6. Qastraeadea 

Mit zwei Keimblättern 

Urdarmthiere 

7. Flatodea I 

Platodaria 
(Ohne l^ephridien) 

8. Flatodea II 

Platodim'a 
(Mit Nephridien) 

9. Frovermalia 

(ürwurmthiere) 
RotutoHa 

10. Frontonia 

(Bhyndielminthes) 

Rüsselwürmer 

11. Frochordonia 

Chordawürmer 

Mit Chorda! 



6. Qaatrula 

Hydra ^ Olynüius 

Orthonectida 

7. Cryptoooela 
(Cancoluta) 
(Proporutt) 

8. Bhabdoooela 

(Yortex) 
(Motiotus) 

9. Qaatrotrioha 

Trochozoa 
Trochophora 

10. Slnteropneusta 
Balanoglo88t*s 
Ceplialodücus 

11. Copelata 

Äppendicaria 

Chordula-Larven ! 






MI 





P 





P 





P 





P 





11 



m 



12.— 15. Stufe: 

Monorrhinen- 
Ahnen 

Aelteste 
Wirbelthiere, 
ohne Kiefer und 
ohne paarige 
Gliedmaassen, 
mit unpaarer 
Nasenbildung 



12. Acrania I 
Aeltere Schädellose 

(Prospondylia) 

13. Aorania II 

Jüngere Schädellose 

14. Cyolostoma I 

Aeltere Rundmäuler 
(Archicrania) 

15. Cyclostoma II 
Jüngere Rundmäuler 



12. Larven von 
Amphioxua 

13. Leptocardia 
Amphioxus 
(Lanzelot) 

14. Larven von 
Fetromyzon 

15. Maraipobranchia 

Myxinoides 

Petromyzontes 



O 

o 



111 
1 

111 



n 
ni 

n 

ni 



^H 


- 37 - 


i^H 


^^B 3fi. ProgODotaxU des Menschen, Zneite HSlfte: ^^^^^| 


Jüngere 


Ahnen-Reihe, mit foHailen Urkunden, im Silur beginnend. ^^^^| 


Perioden dop 


Btomtngruppeii 


Lebende Verwandte 


o™ "''"'■ 


Uor- ^^H 




der Ahnen-Beilie 


der Ahnen.Slufen 


Ztil ' '"" 


Siluilaalie 


1 IS. BeUohU 


IS. Notldanidea 
Haptanuhus 


" 


1! 


^B 


BUuTiEobe 


1 17. Qenoidea 
( Sahmelzflsche 


(Sfttvflsoho) 


a 


f 


-^^H 


1 Frogivoidx 


Polypterus 








Devonlaobe 


[ IS. Dipneuste ! 18. WeodipneuBla 


M 


ir 


^^^H 


Periode 


J LurohHsuhB Ceratodua 






^^H 


Carbonlacbe 
pBriDdB 




H 


ni 


^^^H 








^^^^H 


Pemiidbe 

Periods 


( 20. EeptUift jM. BhjnoliooeBbalia 
i SnlilBicker Ureidi-eli«n 





1! 


^^^H 


( Froieptilta 


Itiilkria 






^^^ 


TrioB- 


t 21. Uonotrema 


21. Omithodelpbla 


H 1 IM 


^^^H 


PoriodB 






[ 




(M8.0>. I] 


1 Promiimni/j/Hi 






^^^^H 


Jura- 


1 'ii. MarsapioUti 


aa. Didelphia 




^^^H 




{ BBUtoUhieia 


m^iphw 


1 




(Mmoz. n) 




P,ram,l,t 








Kraida- 


( 23. MaUolheria 


28. roaaoHTOra 


P 


! 


^^^H 


Perlode 




Erlna^-elda 






(Hmdi. m) 




(lotopsida +) 






^^1 


Alt-Boofin- 






s 


IP 


^^^1 


{ Aeltere Uilbaffen 


(Bi^-od», +} 








1 Dsnt. a. 1. 1. .1. 


Ud-v" +J 








Xren-DooSn- 
PniDda 


J Jaogete Halbaffen 


ib. Autalemurea 


B 


IP 


^^^H 




l Denl. 2. 1, 1. 3. iftnepi 








FmiodB 


1 2B. Dyamopitheoft 
J WesUDran 


i&. Flatyrrhinae 


■^ 


' 


^^^H 


Alt-Kloofin-! 






H 


! 


^^^H 


Periode 


J HundMffao 
1 (BBiohwanit) 


PapstnfT^ü 






^^H 


„ . _ 


as, AntliropoldBB 


2S. Hylobatida 


M 


n 


^^^H 


PeriudB 




HylübatB. 
ADthrDplClieDiia 






^^H 


PUoofin- 

Periode 


) AflenmetiB^hon 




Ö 


iii 


^^^1 


[ (Alali, ipnuhloB) 


ÖorilU 






^^^^H 


PleUtOoSn- 




30. Weddaae» 




nr 


^^^H 


Periads 


1 (LoqBEOBi, »proohond) 




■ 


■ 


J 



— 38 — 

4« Erläuterung der Progonotaxis des Menschen. In den vor- 
stehenden Tabellen ist neben jeder Stufe der Abnenreihe (1. — 30.) rechts die- 
jenige Gruppe von lebenden Organismen der Gegenwart angegeben, welche 
die nächsten Verwandten der hypothetischen Ahnen enthält. In den drei 
schmalen Spalten daneben (rechts) ist von jeder der drei phylogenetischen 
Urkunden der relative Werth angedeutet, welchen dieselbe (bei dem gegen- 
wärtigen Zustande unserer empirischen Kenntnisse) für die Begründung der 
betre£Penden phyletischen Hypothese besitzen dürfte. In der ersten Spalte: 

Paläontologische Urkunde, bedeutet: 

gänzlichen Mangel an versteinerten Resten, 
H dass dieselben selten und unbedeutend, 

^ dass sie in massiger Fülle bekannt und wichtig, 

H dass sie reichhaltig und bedeutungsvoll sind. 

Ontogenetische Urkunde (zweite Spalte), bedeutet: 

P dass ihr phylogenetischer Werth zweifelhaft, 

! dass er gering oder vieldeutig, 

!! dass er bedeutungsvoll, und endlich 

!!! dass er höchst wichtig und lehrreich ist. 
Morphologische Urkunde (dritte Spalte), bedeutet: 

1 dass die vergleichende Anatomie nur wenig, 
H dass sie viel historische Auskunft giebt, 

m dass sie sehr viel über die Phylogenie aussagt. 

5« (S. 34.) Kritik der Progonotaxis. Wenn die Descendenz-Theorie 
wahr ist — wie jetzt allgemein von sachkundigen Naturforschem angenommen 
wird — , dann stellt sie unstreitig der systematischen Naturgeschichte die 
schwierige Aufgabe, die Stamm Verwandtschaft der kleineren und grösseren 
Gruppen der organischen Formen zu enträthseln; die Aufgabe des natür- 
lichenSystems der Formen wird dadurch zur hypothetischen Begründung 
des Stammbaums. Die ersten Versuche, die ich selbst in dieser Richtung 
seit 1866 unternommen habe, stiessen auf fast allgemeinen Widerstand; und 
auch die vielen Verbesserungen jener unvollkommenen Versuche, welche ich 
in den verschiedenen Auflagen meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte und 
Anthropogenie unternahm, fanden zuerst wenig Beifall. Seit zwanzig Jahren 
hat sich das gewaltig geändert; zahlreiche Zoologen und Botaniker sind seit- 
dem erfolgreich bemüht, die Stammverwandtschaft der von ihnen speciell 
studirten Formengruppen zu erkennen und als brauchbarsten Ausdruck der- 
selben hypothetische Stammbäume zu entwerfen. Ich darf jetzt wohl hoffen, 
dass der umfassendste derartige Versuch, den ich (1894 — 96) in den drei Bänden 
meiner systematischen Phylogenie ausgeführt habe, sich allmählich Geltung ver- 
schaffen und fruchtbar erweisen wird. 

Indessen gerade der wichtigste aller Stammbäume, derjenige des Menschen, 
scheint der Mehrzahl der Naturforscher — und namentlich den sogenannten 
„Anthropologen" — das meiste Bedenken einzuflössen. Die eingehende kri- 
tische Begründung desselben, welche ich in der „Anthropogenie" besonders 
durch die ausführliche Phylogenie aller einzelnen Organsysteme zu geben 
suchte, hat sehr wenig Beachtung gefunden. Ich benutzte daher jetzt die Ge- 
legenheit dieses Vortrages, um in Cambridge in Gegenwart vieler Sachkun- 
diger diesen überaus wichtigen Gegenstand der ernsten anthropologischen 
Forschung nochmals vom Standpunkte der phylogenetischen Zoologie zu be- 
leuchten und die „Progonotaxis hominis^ in verbesserter Form zu erläutern. 



Ich wiedei'hole hier ausdrücklich mei 
eingefallen ist, die Entwürfe mmnei 
zuBtellen, eonderu stets nur als hei 
begrenzter Verbesserung fähig sind, 



ae alte Erklärung, aase es mir niernnh 
Stammbäume als fertige Dogmen hi[i- 
ristisuhe Hypotiieaen, welche un- 
itsprechend den anbeschrilnkten Fort- 



schritten unserer emgiiriachen Kenntnisse. 

Die dreissig wichtigsten Stufen unserer Ahnenreihe, welche 
gegenwärtig in der Progonotaxis des Menschen unterschieden werden können, 
sind in der vorstehenden Tabelle auf Kwei Hälften vettheilt. 

Beide Abschnitte unserer Stammesgeschichte sind in Bezug auf Sicher- 
heit der empirischen ßegründuDg dadurch wesentlich verschieden, dasa in der 
jüngeren Hälfte (Stufe 16—301 alle drei Urkunden der Phylogenie verwendet 
werden köanen. Dagegen fehlen in der älteren Hälfte (Stufe 1^15) die 
paläontologischen Urkunden gänzlich, weil der weiche und skelettlose Körper 
dieser älteren Ahnen der Versteinerang nicht fähig war; hier sind wir ledig- 
lich auf die beiden anderen Urkunden angewiesen, die vergleichende Ana- 
tomie und Ontogenie. Es sind daher auch nur in der jüngeren Hälfte (16—30) 
die einzelnen Perioden der organischen Erdgeschichte angegeben, aus welchen 
uns fossile Reste unserer Ahnen erhalten sind, von der^Silurzett an (16, 17) 
bis ^ur Giegenwart (30). Dagegen fallt die Entwicklung und Existenz der 
älteren Ahnenstufen (1 — 15) in jenen unendlkh langen präsilurischen 
Zeitraum, während dessen die mächtigen Gebirgsmassen der arcbkiscben oder 
archozoischen Perioden abgelagert wurden, die krystaliinischen Schiefer der 
laurentischen, huronischen.algonkischen und cambrischen Formationen. Die un- 
erniesBliche Lauge der ungeheuren Zeiträume, während welcher diese Sediment- 
Gebirge aus den Wassern abgesetzt wurden, wird gegenwärtig von den meisten 
Geologen mindestens auf hundert Millionen Jahre annähernd ge- 
schätzt. Davon fällt wahrscheinlich diu grössere Hälfte auf die archozoiscUe 
(piäsilurische) Zeit, etwa 52,000 bis 55,000 Jahrtausende, die kleinere Hälfte 
auf die Folgezeit (vom Silur bis zur Gegenwart), etwa 45,001) — 18,000 Jahr- 
tausende. Vgl. Anm, 20, S. 51. 

Die 30 aufgeführten Ahnenatufen verthcilen sich auf drei verschiedene 
Hauptgruppen; die 5 ersten (1.— 5.) gehören zum Reiche der Einzelligen, der 
Prottsten; die 6 folgenden (6«— U.) aum Reiche der wirbellosen Metazoen, die 
18 folgenden (12.— 30.) zum Stamme der Vtrtebrale^i.- 

Die Protieten-Ahnen (Stufe 1—5) beginnen mit plasmodomen Proto- 
pfaj^n (1. und 2.); diese müssen nothwendig den plasmophagen Protozoen 
{3. — 5.) vorausgegangen sein. Die ältesten aller Organismen waren kernlose 
Plastiden, gleich den Moneren (1.). Erst später entstanden aus diesen echte 
kernhaltige Zellen (3. — t.}; zunächst wabrecheinlich Algarieti (oder „einzellige 
Algen"), dann aus diesen durcli Metaaitismus einzellige Urthiere, Amöben 
oder ähnliche Rbizopoden, oder ebfache Infusorien (vgl. Sjstemat. Phylogenie, 
Bd, I, 1894, S. 44). Durch AssociatiDii vieler Protozoen bildeten sich 
Ooenobien oder Ze live reine, von jenercharakteristiachen Form der Hohlkugeln, 
welche sowohl die Itlagtula-Keime von vielen niederen Metazoen vorübergehend 
zeigen, als auch die permanenten Zellgemeindeii der Volvocinen nnd CalcUlaeten. 

Die Invertebraten-Ahnem die wirbellosen Metazoen (Stnfe 6 — 11), 
beginnen mit den Gaaträaden (6.) und enden mit den Prochordoniem ^11.). 
Die phyletiache Bedeutung der ersteren wird klar durch die Keimform der 
Oastmla. diejenige der letzteren durch dieKeirofonn der Chordvla bewiesen. 
Wie noch beute die Gagtruia aller Hetazoen aus einer Blastula entsteht, so 
ist ureprünglicii ihre gemeinsame Stammform, die Gasträa, ans einer Blasläa 
(ähnlich Volvox oder MagospMera) hervorgegangen. Ebenso liefert am an- 



— 40 — 

deren Ende dieser Beihe die Hnmologie der Chordula bei säntmtlicheD 
Wlrbelthieren and Mantelthiereii den Beweie für den gemeinsamen Ursprung 
dieaer beiden Stämme aus einer I'rodtordomer-Forai (nächstrerwandt den 
Copelatm: Appendicftria) <Tgl. Anthropogenie, i. Aufl., 1891, S. 231, 508), Da- 
gegen ist es zur Zeit noch eine sehr schwierige Aufgabe, die weite Lücke 
zwischen den Gasträaden (6.) und den Prochordonlem (11.) durch eine Kette 
von phj-letiachen Entwicklungsstufen befriedigend liTpothetisah ausznföllen. 
Dieser Abschnitt ist der dunkelste in der Phylogenie des Menschen, wie der 
Wirbelthiere überhaupt. Wir kBnnen zwar ziemlich sicher behaupten, dass die 
zahlreichen ausgestorbenen Ahnen dieser In verte braten kette tbeils zu den 
Platoden (7., 3.), theÜs au den Vermalien (9.-11.) gehört haben werden. 
Aber bestimmtere Anschauungen über die einzelnen Progonen-Stnfen dieser 
Kette und Ober iltre Verwandtschaft mit heute noch lebenden nächsten Ver- 
wandtan können wir uns 'jsur Zeit noch nicht mit befriedigender Sicherheit 
und Klarheit bilden. 

Die Vertebratcn-Ahnea (12.-30. Stufe) kanneu wieder in drei 
Gruppen getheilt werden: I. Monorrhinen (12. — 15.), IL Anamnien (18. — 20.) 
und III. itfammniifji (21.— 3UJ. Die eiste Gruppe, die Monorrhinen, werden 
nur durchl, zwei kleine, aber höchst wichtige Classen repräsentirt, die 
Acranier (Amphiosus) und die Cijclostomen (Myiinoiden und Petcomyzonten). 
Diese ältesten Wirbelthiere besitzen noch kein Kalkskelett, weder in der 
Hantdecke, noch in der Chordaacheide. Ilir Naaeiirohr ist unpaar. Es fahlen 
ihnen noch Kiefer, Rippen und paarige Gliedmaassen. .Die jugendlichen 
Lar^'en beider Claaaeii sind von den erwachsenen sehr verschieden und 
liefern wegen ihrer palingeno tischen Organisation wichtige Anhaltspunkte zbt 
hypothetischen Reconstructiou einer Anzahl von Zwischenstufen, welche die 
weite Lücke ewischSn den Prochordoniem (11.} und den Selachiern (16.) aus- 
füllen. Es lassen sich daher in der Monorrhinen- Kette mindestens vier Ahnen- 
Stufen deutlieh unterscheiden: jüngere und ältere Formen sowohl von ÄcTaniern, 
als von Cycloatomen. 

Die Anamnien- Ahnen oder die Jvhtttpopgiilen (16. — 23.) bilden jene 
Abpengrnppe unseres Stammes, welche in dem langen Zeitraum von der 
Silurzeit bis zum Ende des paläoaoischen Zeitalters (oder bis zum Beginn der 
Triasperiode) gelebt haben. Als drei charakteristische Classenformen dieser 
wichtigen Mittelgruppe erscheinen uns hier die Fische, Amphibien und Rep- 
tilien. Schon die ältesten Fisch c, die silurischen Proselathkr, »eigen jene 
charakteristische und verwickelte Organisation, welche allen Kiefermäolem 
oder Gnathostomen gemeinsam ist, allan Wirbelthieren .von den Fiscbeu 
aufwärts bis zum Menschen, Sie alle besitzen ein Paar Nasenhöhlen 
(Av'phirrhina), Kalkbildungen im Skelett, fiippen, Kiefer und paarige Glied- 
maassen (vordere und hintere Extremitäten), Auf die ältesten Urfische 
(Selachii, 16.) folgen im Silur die SehmelüiiBche (Gavoiäes. 17.), dann im Devon 
die Lurchfische (Dipneusta, 18.), im Carbon die Lurche (AmpMbia, 19.) und Im 
Perm die ältesten Reptilien {Frorfptüia, 20). Die thatsächliehe historische 
Reihenfolge, in welcher sich die Versteinerungen dieser Aiiamnien-Claasen in 
den paläozoischen Formationen vorfinden, entspricht vollkomme» der phyletischen 
Reihenfolge, durch welche sie die vergleichende Anatomie und Ontogenie zu 
einer successiven Abnenkette verknüpft. 

Die Mamtnalien-Ahnen (21.-30.) bilden den letztt'n und in vieler 
Beziehung interessantesten Abschnitt unserer thieriscben Vorfahrenkette. 
Gerade in diesem bedeutungsvollen Theile unserer Progonotaxis sind wir 
jetzt zu einer völlig befriedigenden Klarheit und Sicherheit gelangt, dank 



- 41 — 

den mächtigen Port-ichritten , welche die Paläontologii?, die vergleichende 
Anatomie und Ontogenio der Säugethiere in den letaten Docennien gemacht 
hat. Alle drei Urkunden beweisen übereinatimmend erstens di« phyletische 
Einheit der Mammalien-ClaBBe und zwei tena die historische SuceesBion 
ihrer drei natürlichen UnterclaBsen : a. der eieclegonden Monotromen 
iPaiitothfrien in der Trias, 21.). b. der iraplacentalen Mareupialien (Amphi- 
therien im Jura, 22.), c. der hflchstent wickelten Placentaiien (Manotherien 
in der Kreide, 23.). Innerhalb der Tertiärzeit (deren Länge wahrscheinlich 
mehr als drei Millionen Jahre betrugl hat sich der Stamm der Zottenthiere 
oder Piacentalien xu mächtiger Ulütbe entwickelt; für unsere directe Ahnen- 
reihe ist nur einer seiner vier Hauptäste von Bedeutung, derjenige der Pri- 



10.). 



8. (8.6.) Lamarck (1309) und Darwin (185S). Ueber das Verhält - 
nias von Charlkb Dabwen ea seinen Vorgängern — t>esonders Lauahck und 
GoBTBK — ygl. meine Bede über „Die Naturanschaunng von Dabwim. Goethe 
und Lahabck, Vortrag auf der 55. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte, gehalten zu Eiacnach sm 18. September 1882." (Jena, G.Fischer). — 
Ferner die Sede von Abncild L*sq; n^"'' Charakteristik der ForsehungBWCge 
von Lauabck und Dahwib", Vortrag, gehalten in Jena am 29. Juni 1889, ent- 
sprechend den Beatimmungen der Paul von Ritter'schen Stiftung für phylo- 
genetische Zoologie (Jena, G. FiacherJ. — Uober die BcKiehuagen von Cuables 
Darwin zu seinem Grossvater Ekasuüs Darwin vgl. Ernst Krause, Chahlks 
Dabwim und sein Verhältnisa zu Deutschland (Leipzig, Ernst Günther, 1885). — 
Periierr Leben und Briefe von Cuahlkb Darwin, mit einem seine Autobio- 
gr^hie enthaltenden Capitel. Herausgegeben von seinem Sohn Francis Dabtcin. 
3 Bände (Stuttgart 1887). 

7. (S. 7.) Anthropologie und Zoologie- Der Begriff der Anthro- 
pologie wird — ähnlich wie derjenige der Zoologie — noch heute in sehr 
verschiedenem Umfang und Inhalt definirt. Ich habe achon vor 32 Jahren 
(im siebenten Buche meiner „Generellen Morphologie", im 28. Capitel) zu zeigen 
mich bemüht, daas die wahrhaft wissenschaftliche Anthropologie nur ein 
Theil der Zoologie ist, und daas daher das Studium der ersteren die 
Kenntniss der letzteren voraussetzt. Nur die bewährten Methoden der kri- 
tischen Vergleichung der verwandten Erscheinungen und der Ent- 
wieklnngsgescbichte kUnnen uns das wahre VorBtändniss des Organismus 
— ebenso beim Menschen, wie bei allen anderen Thieren — erschüeasen. Es 
ersebeint notb wendig, auch bei dieser Gelegenheit wieder auf diese unentbehr- 
lichen Fundamente der wissenschaftlichen Menachenkundo hin- 
zuweisen, weil die herrschende scholastische Anthropologie (ähnlich wie die 
fiberlebte metaphysiache Psychologie) dieselben hartnäekig ignoriert. Sehr auf- 
fallend zeigt sich dieser Anachronismus z. B. in den Verbandlungen und 
Schriften der „Deutschen Gesellschaft ffir Anthropologie, Ethnologie und Ur- 
geschichte". Sie steht noch überwiegend im Banne der dogmatischen und 
veralteten Ansichten von Vibobow, Rankk, Bastian, Hib u. s. w. 

8. [S. 7.) Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des 
Menschen. I. TheiU Ke im eagescbich t e. II. Theil: Stammes- 
geschichte. 4. Aufl. Mit 20 Tafeln, 440 Holzschnitten und 52 genetischen 
Tabellen. Leipzig 1891. In diesem Werk habe ich (1874) den ersten und bis 
jetzt einzigeii Versuch unternommen, den zoologischen Stammbaum des 



— 42 — 

Menschen im Einzelnen kritisch zu begründen und die ganze tbierische 
Ahnenreihe unseres Geschlechts unter gleichmässiger Berücksichti- 
gungaller drei phylogenetischen Urkunden eingehend zu erörtern. 
In der wissenschaftlichen Förderung dieser letzteren sind seitdem nach allen 
Bichtungen hin sehr grosse Fortschritte gemacht worden; die Paläontologie 
hat in dem grundlegenden Handbuche von Carl Zittel eine umfassende moderne 
Darstellung erfahren (4 Bände, München 1873—1891; Grundzüge der Paläonto- 
logie in einem Bande 1895); in der vergleichenden Anatomie der 
Wirbel thiere hat das classische, soeben erschienene Lehrbuch von Cabl 
Gegembacr (1898) eine Fülle neuer bedeutender Gesichtspunkte eröffnet und 
klares Licht in das Chaos ihrer verwickelten Probleme gebracht; die individuelle 
Entwicklungsgeschichte der Thiere, welche ich 1872 durch meine „Studien 
zur Gasträa-Theorie" zur flöhe einer vergleichenden Ontogenie zu er- 
heben versuchte, hat in den bekannten Lehrbüchern von Köllikeb, Oscab 
Aertwig, Kollmamm, Framcis Balfour u. A. umfassende Darstellung erfahren. 
Aber kein Naturforscher hat in den vierundzwanzig Jahren, welche seit dem 
ersten Erscheinen meiner Anthropogenie verflossen sind, den Versuch gemacht, 
diese wichtige Aufgabe nach der hier zuerst versuchten Methode weiter zu 
fördern und durch combinirte Verwerthung aller drei Urkunden 
ihrer Lösung näher zu führen. Die sogenannten „Anthropologen von Fach", 
denen diese Aufgabe zunächst obläge, haben sich fast allgemein davon fern« 
gehalten; die vierte, umgearbeitete Auflage der Anthropogenie, die zahlreiche 
neue Gedanken enthält, ist von den Meisten ganz ignorirt worden. In dem 
„Zoologischen Jahresbericht", welchen mein früherer Schüler Professor Paol 
Mayer in Neapel redigirt, ist dieses Werk nicht einmal erwähnt, während 
über Hunderte von kleinen Aufsätzen, welche die darin behandelten Fragen 
von isolirten Gesichtspunkten aus einseitig beleuchten, gewissenhaft referirt 
wird. Gewiss sind unter den zahlreichen neuen Urtheilen und heuristischen 
Hypothesen meiner Anthropogenie viele irrthümlich (wie es bei einem 
ersten derartigen Versuche nicht anders sein kann); aber ebenso fest bin ich 
auch davon überzeugt, dass viele derselben richtig sind und dazu dienen 
können, den dunklen Weg durch dieses schwierige Gebiet aufzuhellen. — Das 
Tadeln ist auch hier viel leichter als das Bessermachen! 

9. (S. 13.) Phylogenie der Menschenseele (Anthropogenie und 
Psychologie). Im dritten Bande meiner „Systematischen Phylogenie" (1895, 
§ 449, S. 625) habe ich meine Auffassung von der Stammesgeschichte unserer 
menschlichen Seele mit folgenden Worten angedeutet: 

Die physiologischen Functionen des Organismus, welche wir unter dem 
Begriffe der Seelen thätigkeit — oder kurz der „Seele" — zusammenfassen, 
werden beim Menschen durch dieselben mechanischen (physikalischen und 
chemischen) Processe vermittelt wie bei den übrigen Wirbelthieren. Auch 
die Organe dieser psychischen Functionen sind hier und dort dieselben: das 
Gehirn und Rückenmark als Centralorgane , die peripheren Nerven und die 
Sinnesorgane. Wie diese Seelenorgane sich beim Menschen langsam und 
stufenweise aus den niederen Zuständen ihrer Vertebraten- Ahnen entwickelt 
haben, so gilt dasselbe natürlich auch von ihren Functionen, von der Seele 
selbst. 

Diese naturgemässe, monistische Auffassung der Menschenseele steht im 
Widerspruche zu den dualistischen und mythologischen Vorstellungen, welche 
der Mensch seit Jahrtausenden sich von einem besonderen, übernatürlichen 
Wesen seiner „Seele" gebildet hat und welche in dem seltsamen Dogma von 



- 43 — 

der „Unsterblichkeit der Seele" gi|>feln. Wie dieses Dogma den gröaateu 
Eiufluaa auf die ganze Weltanschauung dos MenBchen gewonnen hat, so wird 
es selbst heute noeh von den meisten Menschen als unentbehrliche Grundlage 
ihres ethischen Wesens hochgehalten. Der Gegensatz, in weichem dasselbe zu 
der natürlichen Änthropogenie steht, wird zugleich noch in weitesten Kreisen 
als der gewichtigste Grund gegen deren Ännabme betrachtet oder selbst als 
Widerlegung der Phylogeoie überhaupt. Es wird daher nutzlich sein , hier 
kurz die wiBsenschaftlicheii Argumente zusammenzufassen, welche jenes Dogma 
vernichten, und welche zugleich einer yemünftigen, auf die Anthropogenie ge- 
gründeten Psychologie als Basis dienen müssen. 

I. Anatomische Argumente. Das Gehirn des Menschen besitzt 
sowohl in Bezug auf die ünssere Form, als auf den inneren Bau die all- 
gemeinen Chsraktere des Primaten-Gehirns. Innerhalb der Primaten- Legton 
zeigt die vergleichende Anatomie eine lange Reihe von Entwicklungsstufen 
des Gehirns. Die höchsten Stufen nehmen die Anthropomorphen (besonders 
der Schimpanse) und der Mensch ein; die Unterschiede derselben sind weit 
geringer als diejenigen in der Gebirnbildung der Menschenaffen und der 
niederen Affen. Der Mensch besitzt kein besonderes Organ im Gehirn, das 
nicht auch den Menschenaffen zukäme. Die Unterschiede Beider sind quan- 
titativ, nicht qualitativ. 

II. On togenetische Argumente. Gehirn und Bückenmark des 
Menschen entwickeln nch im Embryo ganz ebenso wie bei den übrigen Pri- 
maten und speciell ebenso wie bei den Anthropomorphen. Die erste Anlage 
dieser Centralorgane [im Embryo erfolgt im E»oderm ganz ebenso wie hei 
allen übiigen Wirbclthieren ; und die Umbildung des MeduUarrohres, ins- 
besondere die charakteristische Differenzirung der fünf Himblasen, geschieht 
nach denselben Principien wie bei allen übrigen Scbädelthieren. Dia über- 
wiegende Ausbildung der grossen Hemisphären (im Vorderhim} nnd der kleinen 
Bemisphären (im Hinterhim), welche für die Classe der S&ugetliiere charak- 
teristisch ist, wiederholt sich in gleicher Weise auch beim Menschen. Die 
besondere Differenzirung der einzelnen Gehimtheile, vor Allem der Windungen 
und Furchen in der grauen Binde des Grosshims, erfolgt nach denselben Ge- 
setzen wie bei den Men sehen nSen. 

m. Physiologische Argumente. Die normale Seelenthätigkeit 
des Menschen ist an die normale Ausbildung seines Gehirns geknüpft; mensch- 
liches Seelenleben ohne Gehirn ist undenkbar. Die Localisah'on der einzelnen 
psychischen Functionen ist durch Beobachtung und Versuch empirisch be- 
wiesen. Die vergleichende Psychologie zeigt, dass die Funetionsgruppen nnd 
ihre Be;sichungcn zu den einzelnen Gehimorganen sich beim Menschen ebenso 
verhalten wie bei den übrigen Säugethieren und speciell wie bei den Affen. 
Die eiperimeutelle Psychologie lehrt, dnes die einzelnen Hirnfunctionen des 
Menschen durch Eeizuug ihrer Organe ebenso ausgeißet, durch Zerstörung 
derselben ebenso vernichtet werden wie bei den übrigen Säugethieren. Die 
mystischen Traditionen von einer selbständigen, vom Gehirn unabhängigen 
Seelenthätigkeit, wek-he der Aberglaube früherer Jahrtausende bis auf die 
Gegenwart erhalten hat, spielen zwar in den Mysterien der modernen Kirchen- 
religionen und iu der Phantasie kritikloser Spiritisten noch heute eine grosso 
Rolle; es gelingt jedoch der exacten und kritischen Physiologie leicht, in 
allen F&llcn nachzuweisen, dass denselben bewusste oder nnbewusste Täuschung 
zu Grunde liegt. Alle modernen Erzählungen von „Geistern" und „Offen- 
barungen" sind durch die wissenschaftliche Kritik ebenso in das Gebiet der 



— 44 — 

Erfindung verwiesen, wie in früheren Jahrhunderten die Sagen von Dämonen 
und von Gespenstern. 

IV. Pathologische Argumente. Die unbefangenen und sorgfaltigen 
Beobachtungen der modernen Psychiatrie haben den Beweis geführt, dass die 
sogenannten „Geisteskrankheiten" auf materiellen Veränderungen- von Gehim- 
theilen beruhen. Pathologische Zerstörung eines einzelnen Himorganes (z. B. 
durch Apoplexie, durch Gehirnerweichung) bewirkt nothwendig das Erlöschen 
der Function, welche an dasselbe gebunden ist. Die schrittweise Degeneration 
des Gehirns bei chronischen Gehimkrankheiten lässt ebenso schrittweise die 
Abnahme und endlich das Erlöschen ihrer Function verfolgen. 

Diese empirischen Argumente aus den Gebieten der vergleichenden 
Anatomie und Ontogenie, Physiologie und Pathologie, ergeben für jeden un- 
befangenen und kritischen Denker den bedeutungsvollen Schluss, dass die 
Phylogenie der Menschenseele untrennbar mit derjenigen ihrer Organe, vor 
Allem des Gehirns, verknüpft ist. Wie die lange Reihe unserer Vertebraten- 
Ahnen im Laufe von vielen Jahrmillionen ihre Gehimstructur allmählich und 
stufenweise bis zu der Höhe der Primatenbildung vervollkommnet hat, so hat 
sich auch gleichzeitig damit dessen Function Schritt für Schritt entwickelt. 
Allerdings erscheint uns das persönliche Bewusstsein und das klare Denken, 
das ästhetische Empfinden und das vernünftige Wollen beim Menschen zu 
einer erstaunlichen Höhe der Vollkommenheit emporgestiegen. Aber nichts- 
destoweniger sind die psychischen Differenzen von unseren Mammalien-Ahnen 
nur quantitativer, nicht qualitativer Natur; ihre elementaren Factoren sind 
hier wie dort die Ganglienzellen. Indem die Anthropogenie somit der 
Psychologie eine sichere monistische Grundlage giebt, zerstört sie das ganze 
grosse Mysteriengebäude, welches auf dem alten Dogma von der persönlichen 
„Unsterblichkeit" der Menschenseele errichtet war. An die Stelle der über- 
natürlichen Mythologie tritt auch hier die klare Naturerkenntniss. 

10. (S. 15.) Entdeckung der Denkorgane. Eine allgemein ver- 
ständliche Darstellung seiner bedeutungsvollen Entdeckung gab Paul Flechsig 
1894 in der ausgezeichneten ßede über „Gehirn und Seele", welche er 
beim Rectoratswechsel an der Universität Leipzig am 31. October 1894 hielt. 
Eine eingehendere Darstellung, durch sehr instructive Abbildungen erläutert, 
enthält der Vortrag, welchen derselbe 1896 auf der Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aerzte zu Frankfurt a. M. hielt: „Die Localisation 
der geistigen Vorgänge, insbesondere der Sinnesempfindungen 
des Menschen" (Leipzig 1896). Mit Recht sagt Flechsig am Eingang seines 
Vorworts: „Im Aufbau unseres Geistes, in den grossen beharrenden Zügen 
seiner Gliederung spiegelt sich klar und deutlich die Architektur unseres 
Gehirns wieder." Von dem wichtigsten Theile der Grosshimrinde, dem 
Principal hirn oder dem „grossen occipito-temporalen Associons-Centrum^', 
sagt dieser tiefblickende Gehirnkenner (S. 62): „Auf Grund aller dieser 
klinischen Erfahrungen ergiebt sich als Functionskreis des hinteren grossen 
Associons-Centrums die Bildung und das Sammeln von Vorstellungen äusserer 
Dbjecte und von Wortklangbildern, die Verknüpfung derselben unter ein- 
ander, mithin das eigentliche positive Wissen, nicht minder die phantasti- 
sche Vorstellungsthätigkeit, die Vorbereitung der Rede nach Gedanken-Inhalt 
und sprachlicher Formung u. dgl. mehr — kurz, die wesentlichsten Bestand- 
theile dessen, was die Sprache speciell als Geist bezeichnet.*' — Da nun 
auch för die höchste Geistesthätigkeit, das Bewusstsein, die bewirkenden 
Elementar-Organe in den Ganglienzellen des Principalhirns entdeckt 



— 45 — 

siud, wird man endlich die irreführenden dualistiachen Anschauungen auf- 
geben müssen, welche über die Entatehung dieses psyehologischen 
Central-Mysteriums noch allgemein verbreitet sind. Wohl am meisten 
bat neuerdings zur Stärkung und Verbreitung dieser falscben mystischen An- 
Buhauungen die glänzende Rede beigetragen, welche der „berühmte Rhetor 
der Beiliner Akademie der WissenHchaften", Euii. De Bois-Revuond, 1872 in 
Leipxig über „die Grenzen des Natiirerkennena" gehalten hat. leb habe den 
Grundfehler dieser prankvollen Ignorat)imue-Redi> schon wiederholt be- 
leuchtet, 80 in meiner Schrift über „Freie Wissenscliaft nud freie Lehre" 
(1878, S. 78, 82} und im „Monismus" (7. Aufl., S. 39, 44). Durch die Ent- 
deckung der realen Denkorgane wird ihr der Todesstoss versetzt. — üeber 
das Verhältnisa des Gehirns zum Eewusstsein vgl. auch Adqust FunKU, 
Gehirn und Seele (Bonn 1894); B. Cabkeui, Empfindung und Be- 
wusstsein (Bonn 1893); LBoroi.n Bksbkr, „Was ist Empfindung?" (Bonn 1881); 
Albrecbt Ead, Empfinden und Denken (München 1897). 

11. (S. 15.) Unsterblichkeit der Wirbelthiere. Der hohe Werth, 
welcher noch heute in weitesten gebildeten Kreisen dem unvernünftigen 
Mjthns von der „persSnlichen Unet erblichkeit des Menschen" 
beigelegt wird, erklärt sich daraus, dass die meisten sogenannten „Gebildeten" 
theils mit den sie widerlegenden Ergebnissen der modernen Natur wiaaenschaft 
imbekannt Rind, theils überhaupt nicht unbefangen über diesen und über 
andere Glaubensaätze nachdenken, welche ihnen in früher Jugend eingepr&gt 
werden. Wenn die Person des Menschan wirklich „ unsterblich " wäre, so 
mCsate es auch diejenige der nächst verwandten Wirbelthiere sein, und 
vor Allen der Sängethiere; auch musate dann die stufenweise Entwickelung 
der Grosshimrinde, welche die vergleichende Anatomie in dieser höchst- 
entwickelten Tbierclasse aufweist, die verschiedenen Entwickelungs- 
Stufen der Unsterblichkeit andeuten. Vgl. hierüber D. F. Stbidss, 
Der alte und der neue Glaube (14. Aufl., Bonn); Ludwig Bcounkb, Das künf- 
tige Leben und die moderne Wissenschaft (Leipzig IS89). 

12. (B. 15.) Das universale Sul)stan!;-Gesetz. Daa chemische 
Grundgesetz von der „Erhaltung des Stoffes" (Lavoisikb) und das physi- 
kalische Grundgesetz von der „Erhaltung der Kraft" (Bodebt Miikh, 
HsuiBöLTe) habe ich (1892) unter dem Begriffe des , Substanz-Gesetzes" 
zusammengefssst. (Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissen- 
schaft, Glaubensbekenntniss eines Naturforschers. Bonn 1892, 7. Aufi. 1898, 
B, 14, 39.) Man könnte dieses oberste Grundgesetz der modernen Natur- 
wissenschaft auch als dun „Constanin-Gese tz" bezeichnen, als die Lehre 
von der ewigen „Constanz der Energie und Materie" (Canstam der Substaiu). 
Durch die Entdeckung der Denkorgane (Anm. 10) und deren Verknüpfung 
nit der Anthropogenie (Anm. 8) ist die universale Geltung des Substanz- 
Gesetzes aucli für jenes letzte Erscheinun gagebiet erwiesen, für weiches sie 
Do Bois-Rktuosd u. A. beatritten hatten, für jene Function des Principal- 
hiins, welche wir als das menschliche „Bewusstaein" bezeichnen. Damit 
sind aber zugleich die drei gefürehteten „Central-Dogmen" vernichtet, die 
Citadelle der Unwissenheit und des Aberglaubens. Vergl. die treffliche neue 
Schrift von L DU wiG Boohnbr: Am Sterbelager des Jahrhunderts, Blicke eines 
freien Denkers aus der Zeit in die Zeit. Giesaen 1898. 



18. (S. 16.) Die drei Cen 
die dunliatischü und teleologische 



ral-Dogm 

Philosophie 



p Metaphysik. Wenn 
legenwart mit Emphase 



i 



den „Rückgang auf Kant" predigt und dabei behauptet, 
^kritisclie Philosophie" des grossen Königsberger Weltweisen die Grund- 
ehren von „Gott. Freiheit und Unsterblichkeit" vor allen Angriffen 
der Naturwissenschaft eicher gestellt habe, ao befindet sie sich in einem ge- 
waltigen Irrthum. Unsere Schulphilosophen übersehen dabei den Uebelstaiid, 
dass der gealterte KiNT beim weiteren Ausban seiner „kritischen " Philosophie 
immer dogmatischer und mytitischer wurde, ja, daas schon die apriori- 
schen Grundlagen seines Kriticismus in Wahrheit dogmatisch waren; überall 
macht sich darin ein Bnalismus geltend, indem „realistische und idea- 
listische Elemente unvermittelt neben einander gestellt und keineswegs, aach 
nicht in der Kritik der Urtheilskra:ft. zu widersprachsloser Harmonie mit ein- 
ander verbunden sind" (Urbbrwsö, Geschichte der Philosophie). 

Der Hauptmangel in Kaiit*3 Vorbildung war die Unkenntniss des 
menschiichen Organismus, seiner Anatomie und Physiologie. Freilich standen 
diese empirischen Grundlagen der Anthropologie damals noch auf einer sehr 
tiefen Stufe; hätte Kamt über die ungeahnten Erkenntnisse verfügt, welche 
uns erst die Biologie des letzten halben Jahrhunderts erschlossen hat; hätte 
er eine klare Vorstellung von dem wunderbaren Gehimbau, von der Zellen- 
theorie, vom Transformiamua und dem biogenetischen Grundgesetze gehabt, 
80 würde sein System der kritischen Philosophie ganz anders ausgefallen sein ; 
seine Biologie würde dann ebenso unserem heutigen Monismus entsprochen 
haben wie sein geniales kosraologisches Jugendwerk, die noch heute voll- 
gültige „Allgoraeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, 
oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Urspninge des 
ganzen Weltgebilades , nach Newton'echen Grundsätzen abgehandelt" (1755). 
Allerdings liat ja auch späterhin der grosse KönigHbciger Denker noch öfter 
daran gedacht, dasselbe monistische „Princip des Mechanismus der 
Natur — ohne Aa,^ es überhaupt keine Naturwissenschaft geben kann" 1 — 
auch für die Verfassung und Entstehung der organischen Natur geltend zu 
machen; ja er hat sogar gelegentlich über die einheitliche Entwicklung der- 
selben Anschauungen geäussert, welche geradezu mit den Grundprincipien 
unserer heutigen IJescendenz- und Selectious-Theorie harmoniren. (VergL 
Fbitb Sdbültzb, Kant und Darwin, Bin Beitrag zur Geschichte der Ent- 
wicklungslehre. Jena 1S75.) Allein näher darauf einzugehen, hinderte Kant 
seine ünbekanntschaft mit der Zoologie; und deren wichtigste Stützen, ver- 
gleichende Anatomie Ontogenie und Paläontologie, kamen erst in unserem 
Jahrhundert zur Geltung und Ausbildung. 

W. (8. 17.) Pithecanthropus, der Affenmensch. Die Gattung 
Piihecnnthroptia, als hypothetisches Verbindungsglied zwischen den Menschen- 
affen [Anthropoiden) und den echten (sprechenden) Menschen hatte ich 1866 
im zweiten Bande meiner .Generellen Morphologie" aufgestellt, in der 
„Systematischen Einleitung in die allgemeine Entwicklungsgeschichte" (S. 160); 
der Stammbaum des Menschen, S. 151; Ahnenreihe des Menschen, S. 42S; die 
Anthropologie als Theil der Zoologie S. 432. In der ersten Auflage meiner 
„Natürlichen Schflpfungsgeachichte" (1868) führte ich diese hypothetische 
Uebergangsform ab einundzwanzigste Stufe unserer thierischen Ahnenreihe 
mit folgender Charakteristik auf (8. 507): Affenmenschen (Pif^cBniÄropi) 
oder sprachlose Urmenschen [Äiali). Unmittelbare Zwischenforin 
zwisclien der 20, und 22. Stufe, zwischen den Menschenaffen und den echten 
Menschen. Entstanden aus den Menschenaffen oder Anthropoiden duri?h 
die vollständige Angewöhnung an den aufrechten Gang und die dem ent- 



47 



vorderen Eitremität zur Greifhatid, 
} dumli die äussere Körperbilduiig 



sprechende stärkere DifferenEirung der ■ 
der hinteren zum Gangiuaa. Obwohl i 

den echten Menschen wohl nocli näher als den Menschenaffen standen, fehlte 
ihnen doch noch das eigentlich charakteristische Merkmal des echten Menschen, 
die articulirte menschliche Wortspraohe und die damit verbundene hewusBte 
Begriffshildung, beruhend auf gesteigerter Abstractjon der Anschanungen. 
Solehe AflFenmenachen lebten wahrscheinlich gegen Ende der Tertiärzeit und 
im Beginn der Quartärzeit." 

Als ich diese Hypothese vor 32 Jahren zuerst formulirte, und auch 
noch sechs Jahre später, als ich sie in der Anthrepogcnie (1874) näher 
au begründen suchte, begegnete sie nicht nur allgemeinem Misstrauen, sondern 
auch von Seiten der sogenannten „exaeten Anthropologen" dem entschieden- 
Bten Widerspruche und nicht selten dem schärfsten Spotte. (Was von 
dieser sogenannten „eiacten" Anthropologie zu halten ist, habe ich in der 
nennten Auflage der Natürlichen Schöpfungsgeschichte [1898, 8. 783, 800] an 
dem Beispiel von Johahmgs Kankb gezeigt.) In den drei Decennien, 'welche 
seitdem verflossen sind, hat sich die Sachlage in diesem grossen „Kampf 
um die Wahrheit" gewaltig geändert. Die Descendenz-Theorie, damals 
als „leere Hypothese" verworfen, gilt jetzt in der gesammten wissen sc liaft- 
lichen Biologie als das werthvollste Hülfsmittel der causalen Erkennfaiss. 
Ihre Anwendung auf den Menschen, die verspottete „Pithecoiden-Theorie", 
kann von der wirklich denkenden Anthropologie nicht mehr zurückgewiesen 
werden. Denn die Entdeckung des fossilen /VfTieca wiAropws erecltts durch 
EnoKN Ddbois (1894) hat uns die versteinerten Knochen jenes „Affen- 
menschen", den ich hypothetisch constrtiirt hatte, greifbar in die 
Hand gegeben. 

Dass eine unbefangene und objective Kritik dem PttliecanthropUB erectvt 
wirklich diese bedeutungsvolle Zwischenstelluiig anweisen muss, hat u. A, 
sehr einleuchtend der Paläontologe W. Daheb gezeigt in seinem interessanten 
Artikel: „Pi thecanthropus, ein Bindeglied «wischen Affe und 
Mensch" (Deutsche Rnndschan, Berlin 1896, Bd. 88, 8. 368—384). Der- 
selbe hat dort auch die verschiedenen Ansichten , die darüber auf dem 
Zoologen-Congresse in Leyden 1895 geäussert wurden, statistisch zusammen- 
gestellt; er bemerkt dazu sehr richtigt „Bringt grosse Meinungsverschieden- 
heit sonst wohl Unsicherheit und Schwanken mit sich, so kann sie hier 
geradezu als starke Stütze der Uehergan gsnatur von Püherantkropm 
verwerthet werden." 

Die Gegner der Abstammungslehre und ihrer Anwendung auf den 
Menschen sind nunmehr eines ihrer beliebtesten EinwAnde beraubt^ sie 
werden aufhören müssen, von dem berufenen „Missififf Hfik" zu sprechen; 
denn dieses „fehlende Bindeglied zwischen ASe und Mensch" liegt in den 
versteinerten Resten des PitkecanOtropui ereatKS handgreiflich vor ihren Augen, 
und insofern könnte man sagen, dass diese Entdeckung von Ddbois für die 
Anthropologie eine grossere Bedeutung besitzt als die gepriesene Ent- 
deckung der „Röntgen -Strahlen" für die Physik. 

üebrigens habe ich schon vor 30 Jahren (l. c.) darauf hingewiesen, dass 
vermisstcn und gesuchten „Bindeglieder" auch heute noch unter uns 
_ leben. Denn die wahre Uebergangs Stellung der noch lebenden Menschen- 
f'ftffen (Gibbon und Orang in Asien, Schinnpanse und Gorilla in Afrika) kann 
flpiitn auch so beurtheilen, wie es später namentlich in der Aufstellung der 
t f rimarier-Gruppe durch Robhbt Habtuank geschah: Diese „modernen 
■ilCenschenaffen oder AnthTopoi4]fn'' sind die „Kissings links, welche den Ueber- 



— 48 — 

gung von den echten Äfften {Simiae) zu den echten Menschen {Haminesi 
noch heute anschaulich vor Augen führen.'' 

15, (S. li).) Pith»H»oido Menschen-Arten (Pygmäen). Unter den 
jetzt noch lebenden Menschen-Species stehen nach unseren jetzigen anthropo- 
logischen Kenntnissen zwei Pygmäen -Arten der gemeinsamen längst aus- 
gestorbenen Stammfonn des Menschengeschlechts, und somit auch deren nächster 
Ahnenform, dem Pithaanthropus, am nächsten. Es sind dies die Weddas 
auf Ceylon und die Akkas in Central- Afrika: die Ersteren sind Ton den 
beiden Vettern Sarasim vortretflich beschrieben, die Letzteren von Schwkix- 
FÜRTH. In dem verbesserten „Stammbaum der zwölf Menschen-Arten^, 
welchen ich in der letzten Auflage der natürlichen Schöpfungsgeschichte 
(1898, S. 748) entwarf, habe ieh die Weddas an die Wurzel des schlicht- 
haarigen Menschenstammes gestellt, die Akkas an die Wurzel des woll- 
haarigen Stammes; beide Hauptstämme des Menschengeschlechts hängen 
wahrsoheinlioh nur unten an der gemeinsamen (pliocänen?) Wurzel zusammen. 
Vergl. darüber meinen Aufsatz über „Die Urbewohner von Ceylon" 
in der Deutscheu Rundschau (1898, Bd. 77, S. 367—385): Indische Beise- 
briefe, 3« AuÜ. 1893, S. 353. Ich habe darin die vielseitig interessante Dar 
Stellung der Weddas besprochen, welche die Dootoren Paul und Friti Sabasiv 
in dem 3. und 4. Bande ihres grossen Prachtwerkes „Ergebnisse natnr 
wissenschaftlicher Forschungen auf Ceylon*^ gegeben haben: „Die Weddas 
von Ceylon und die sie umgebenden Völkerschaften, ein Versuch, die in der 
Phylogenie des Menschen ruhenden Räthsel der Lösung näher zu bringen*^ 
vmit einem Atlas von 84 Tafeln, 1893X — Ueber die „Stellang der Pygmäen 
in dem anthropologischen System*^, vergl. Julius Koluiahx, Der Mensch 
(Basel 1895>, S. 145. 

Die Wedda's in Cevlon und die Akkas in Central- Afrika können eben 
so gut als besondere »gute Arten^ oder j,Bo»ae Species*^ des Genas JETomo 
unterschieden werden wie die Mittelländer, die Mongolen, Papnas n. s. w. 
Die Unterschiede der Körperbildung in diesen verschiedenen Arten des 
^lenschengeschlechts sind Wel bedeutender als diejenigen, welche allgemein 
von den Zoologen zur Unterscheidung mehrerer Arten einer Thiergaltang 
benatzt wervlen. Aber trotzdem halten noch heute die meisten Anthropologen 
an dem alten Dogma von der sogenannten „Art-Einheit des Menschen- 
Geschlechts" fest, und fortdauernd wird noch eine Masse Papier über 
diese ganz gleichgültige Frage unnütz verschrieben. Der Trritnrhuimdn 
Lamakck hatte schon 1809 am Eingange seiner Philosophie zoologique betont, 
dass der Begriff der Art oder5;>^cV»« ebenso unbestimmt and 
sei, ebenso eine künstliche Abstraction des Svstematikers wie die 
geordneten Begriffe der Gattung. Ordnung. Classe u. s. w. Nachdem Dj 
1859 dem Transformismus ein festes Fundament gegeben und geseigt hatte, 
wie verschiedene Species aus Varietäten einer einzigen Art h ei ir of grft eu y 
das alte Do.irma von der .Constanz der Species" definitiv vemidbtet. 
ausfuhrlichen Beweis dafür gab ich in meiner .Begriflbbestinimiiiig dar 
Kategorien des Systems", im 24. Capitel der .»Generellen Morphologie* > läCIS. 
Bd. 2, S. :<!A — löl: Principien der Classification L 

Gerade die Versrleiohun.ir der verschiedenen Mensch en-Arteneineneits 
und der versohiodenen Affen- Arten einer Gattung andererseits, fecncr & 
VergleichuuiT d-T Primaten-Speoies im Aligemeinen liefern für diese 
neue Beweise. Auoh Dam&s l. c. p. :i!>4) bemerkt bei dieser 
•Die so venjohie».ieiien Merkmale der soiienannten 'Rassen* 




— 49 — 

^ich nicht gerade um McDScbön handelte, von jedem Zoologen zur 
Blltung in mehrere Gattuugeii unii zahlreiche Arten benutzt werden." 
gleichem Sinne hatte schon vor langer Zeit der alte Paläontologe Qm 
gesagt: „Wenn Neger und Kaukasier Schneüken wären, so würden die 
Zoologen mit allgemeiner Uebereinstiramung sie für zwei ganz vortreffliche 
Species ausgeben, die nimmermehr durch allmähliche Abweichung von einem 
Paare entstanden sein könnten." Uebrigens hat bis zum heutigen Tage kein 
einziger Tertheidiger der Speciea-Constanz eine befriedigende Definition von 
dem absoluten Wesen der Species geben kiinnen — aus dem einlachen 
Grunde, weil dies unmüglich ist. (Vergl. meine Katüil. Schöpf ungsgeach., 
9. Aufl. 1898, S. 266, 738, 772 etc.) 

16. (S. 19} Pithecoide Mensclien-Sebfidel. Unter den zahlreichen 
genau beschriebenen Menschen-Schädeln, welche sich der Bildung des Affen- 
Schädels stark annähern, ist der von Nkubin» hesuhriebene Brasilianer 
Schädel besonders interessant. (Vergl. die Berliner Naturwisaenech. Wochen- 
schrift vom 17. November 1895, Bd. 10, Nr. 46, S. 549.) Dieser „pithecan- 
thropua-älintiche Men sehen schädel aus den S&mbaquis von Santos in Brasilien" 
zeigt die auffallende Einschnürung am Scbtibfentheil des Stirnbeins — welche 
nach ViKcHow ein sicheres Zeichen seiner Affen-Natur sein sollte! — 
sogar stärker als der fossile I'ithccanthropua von Jara; sie beträgt bei 
letzterem 90 — 91, bei ersterem 92, beim Gorilla 68, beim Schimpanse 67 cm. 
Diese Thataache ist um so merkwürdiger, als in Brasilien — wie in ganz 
Amerika — niemals Menschenaffen gelebt haben; die amerikanischen 
Ureinwohner sind alle uraprönglicb aus der alten Welt eingewandert und 
Nachkommen von asiati sehen Affenmenschen (vgl. Natürl. Schöpfungsgesch. 
9. Aull. 1898, S. 748, Tafel 30). Den kiitiachen Bemerkungen, welche Nehrino, 
ein sehr kenntnissreicher Paläontologe und genauer Kenner dea Säugethier- 
Skelettes, bei dieser Gelegenheit über DuBOia' bedeutungsvolle Entdeckung 
macht, BchliesBC ich mich durchaus an. Ich hatte in ähnlichem Sinne mich 
1895 schon geänasert, bevor noch die Debatte im Zootogen-Congress zu. Lejden 
stattfand (Systematische Phjlogenie, Bd. III, S. 633). 

17. (S. 20.) Opposition gegen die Primaten-Deacendenz dea 
Menschen: Virchow. In der feierlichen Eröffnungsrede, welche Viacnow 
vor vier Jahren auf dem Anthropologcn-Congress in Wien hielt, behauptete 
derselbe , „dass der Mensch ebensogut vom Schafe oder vom 
Elephanten als vom Affen abstammen könne ''. Wenn dieser 
absurde Satz ernstlich gemeint ist, so beweist er nur aufs Neue die längst 
bekannte Thataaehe, dasa Virchow — obwohl Schüler von Jouaknils Mülleb! — 
nicht mehr das geringste Verständniaa für vergleichende Anatomie und 
sjatematiache Zoologie besitzt, ebensowenig wie für die wichtigsten That- 
sachen der Paläontologie und der vergl eiclienden Ontogenie. Wenn aber 
jener berüchtigte Satz dazu dienen soll, die verhasste „Affen-Theorie" lächer- 
lich zu machen und durch einen jämmerlichen Witz zu beseitigen , dann 
können wir nur bedauern, dass ein verdienter Naturforscher von so hohem 
Hufe kein beaaerea Mittel weiaa, um daa schwere Gewicht seiner Autorität 
in der wichtigsten und ernstesten aller Untersuchungen, in der „Frage aller 
Fragen" geltend zu machen. 

Zu meinemauMcbtigen Bedauern bin icligenöthigt, auchbei dieser Gelegen- 
heit wieder auf die völlige Grundlosigkeit von Vibchow's Behauptungen hin- 
zuweisen, und auf den gänzlichen Mangel an empirischen Beweisen für seine 
unhaltbare Opposition gegen unsere Entwicklungslehre. Denn die wohl- 

Hteokel, ürspning des HsnaoliBn, 4 



— 50 — 

verdiente Autorität, welche der berühmte Pathologe durch seine Begründung 
der Cellular-Pathologie vor vierzig Jahren erworben hat — zum Theil auch 
durch seine unermüdliche Thätigkeit in politischen und socialen Kämpfen — 
verleiht ihm noch heute in weitesten Kreisen das Ansehen eines wissen- 
schaftlichen Papstes, der zur unfehlbaren Entscheidung jeder biologischen 
Frage, also auch zur Vernichtung der „Affen- Theorie** berechtigt ist. Vor 
Allen sind es auch heute noch die orthodoxen Priester aller Kirchenreligionen 
und die klerikalen Organe der verschiedensten Eichtungen — die ge-^chworenen 
Vertheidiger des Aberglaubens und die Todfeinde der Gedankenfreiheit — , 
welche sich beständig auf Virchow*s Autorität zu ihren Gunsten berufen. So 
geschah es schon vor einundzwanzig Jahren, als ich auf der Deutschen 
Naturforscher -Versammlung in München (1877j „die heutige Entwicklungs- 
lehre im Verhältniss zur Gesammtwissenschaft" beleuchtet hatte. Damals 
trat ViRCHow unmittelbar nachher derselben aufs Schärfste entgegen und be- 
hauptete zur einstimmigen Befriedigung des Klerus und der Reaction, dass 
der Transformismus eine unbewiesene Hypothese, die Abstammung des 
Menschen vom Affen unmöglich und die Seelenthätigkeit nicht lediglich 
Function des Gehirns sei. Seitdem ist wohl kein Jahr vergangen, ohne dass 
der beredte Pathologe seinem Antagonismus gegen die moderne Entwickelungs- 
lehre Ausdruck gegeben und den natürlichen Ursprung des Menschen aus 
einer Reihe von Wirbelthier- Ahnen auf das Entschiedenste bekämpft hätte. 

Das klare Urtheil über diese höchst bedauerlichen Thatsachen 
kann um so leichter getrübt werden, als die Ueberzeugungen des jugend- 
lichen ViRcuow vor einem halben Jahrhundert gänzlich verschieden und den 
späteren Anschauungen geradezu entgegengesetzt waren. Die originelle 
Hauptarbeit des berühmten Pathologen, durch welche er die „cellulare" 
Reform der wissenschaftlichen Medicin herbeiführte, fällt in die Zeit seines 
Aufenthaltes in Würzburg (1849 — 1856). Hier schuf er, in dem befruchtenden 
Verkehr mit den führenden Histologen Köllikbr und Leydig, die Grundlagen 
seiner Cellular-Pathologie; hier beleuchtete er aber auch in einer Reihe von 
geistreicben Abhandlungen jene „Einheit des menschlichen Organis- 
mus", welche zu den wichtigsten Thesen unseres modernen Monismus gehört. 
Nachdem Virchow 1856 nach Berlin übergesiedelt war, trat allmählich eine 
zunehmende Entfremdung von jenen monistischen Ueberzeugungen ein und 
zuletzt ein völliger Uebergang in das Lager des mystischen Dualismus. Vergl. 
hierüber meine Schrift über: „Freie Wissenschaft und freie Lehre, 
eine Entgegnung auf Rudolf Virchow's Rede über die Freiheit der Wissenschaft 
im modernen Staate." (Stuttgart 1878). 

Nachdem die englische Uebersetzung dieser Vertheidigungsschrift er- 
schienen war, schrieb mir Chaklks Darwin (am 29. April 1879) eigenhändig 
folgenden Brief: 

„My dear Haeckel! 
I have just finislied reading the English Translation ( — for from uant 
of Urne 1 haä defered reading the French Translation — ) of Your j,Freedom 
in Science^ etcy and you must let me have the pleasure of saying how nxuch 
I admire the whole of it, It is a most interesUng essay, and I agree with 
all of it. Virchow's conduct is shameful, and I hope he will 
someday feel the shame, What an amusing Freface that of Huxley is! 

With all good tcishes 

Yours very sincerly 

Charlks Darwin. 
{Voten, BeclefÜMw^ Kent. April 29. 1879.) 



••• •. 

• • •• 
• • • • 

• • • • • 



•..: • • • • 



18. (S, 24.) Phylptiaclie Ein 
übereinstimmenden Zeugnisfln der iJn 
bezeugen so unzweitleulig die gemeii 

Erkenntniss Jetzt als 



ftuge 



Die 



i grossen plijlngcnetischeii Urkunden 
same Abstammung aller Säuge- 
form, dass wir diese bedeutungavolle 
behauptet. 



Die philosophische Tragweite derselben ist unennessliuh; <^enn dadnrdi allein 
schon wird jene Mseh^ aiithropistiache Weltanschauung widerlegt, 
welche durch unaeren mythologisehenlilaubcna-Unterricht uns schon in frühester 
Jugend eingepr&gt wird (vgl. meine System atia che Phylogenie, Üd. lU, 1895, 
S, 64Ö: Avlhrnpo^cnie tinil Aitlh}-upi:imtts). Für die allgemeine Bedeutung dieser 
histfiriache» Thatsaclie ist es ganz gleichgültig, in welcher Reihenfolge mau 
die SHugethier-Ahnen des Menschen aufführt, und wie man sie von niederen 
Wirbelthieren (Reptilien oder Amphibien) ableitet; und ebenso ist es dafür 
glcieligültig , wie man den ganzen Stamm der Wirbelthiere hypothetisch aus 
wirbellosen Ahnen entstanden denkt. 

1«. (S. 28.) Eizelle des Mensclien. Die phylogenetische Bedeutung 
der Eizelle und ihrer Entwicklung beim Menschen kann nicht genug betont 
werden. Denn alle die merkwürdigen Vorgfinge, durch welche aus diesem 
einfachen kugeligen Plaswakörper der Keim und aus diesem wiederum der 
Wirbel tbi er- Körper entsteht, sind beim Menschen im Wesentlichen genau 
dieselben wie bei allen übrigen Säugethieren, und im Einzelnen 
dieselben wie bei den nächstvevwandten Menschenaffen. Vgl. darüber 
EiiTL Belenba, Studien über Entwicklungsgeachiehte der Thiere. 5. Heft, mit 
12 Tafeln. Wiesbaden 1892. (Affen Ostindiena.) Wie bei allen anderen 
Wirbelthieren, so lässt sich auch beim Menschen der Beginn der indivi- 
duellen Existenz haarscharf bestimmen ; er erfolgt im Momente der 
Befruchtung. Wenn nach erfolgter Begattung die beiderlei Geschlcchts- 
zclleu — die kugelige weibliche Eizelle der Mutter und die fadenförmige 
männliche Spermazelle des Vaters — zusammentreffen, verächmelzen sie zur 
Bildung einer neuen Zelle, der Stammzelle (Cytala)- Das Moment, in 
welchem ihre beiderlei Kerne sich zur Bildung eines neuen Zellkernes ver- 
einigen, ist der wirkliche Beginn der persönlichen Existenz. Durch diese 
[Thatsaebe allein schon wird das Dogma der persönlichen Unsterblich- 
keit widerlegt. Vgl. meine Anthropogeuie, 4. Aufl., 1891, S. 129, 149. 
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(S. 30.) Länge der pbylugenetiacben Zeiträume. Von 
grÖBBter Wichtigkeit für das naturgemäase Veratändnies der ganzen Stammes- 
geschichte — und ganz besonders deijenigen des Menschen! — ist eine Idare 
Vorstellung von der ungeheuren Länge der Zeitrfiume, innerhalb deren 
die stufenweise Entwicklung des organischen Lebens auf unaerem Planeten 
stattgefunden hat. Aus den Gründen, welche ich im 16. Vortrage meiner 
„Naturlichen Schöpfungsgeschichte" (S. Aufl., 1S9S, S. 3B7) angeführt habe, ist 
ifiglich, die Zahl ihrer Jahrtausende auch nur mit ann&hemder Sicher- 
I Zahlen abzuschätzen. Die meisten Geologen sind jetxt wohl der 
Ansicht, dass seit Beginn des orgaulachen Lebena mindestens hundert 
Millionen Jahre veräoaaen sind. Wie sehr aber die Schätzungen differiren, 
zeigt die Thatsache, dass man nach einer genauen geologischen Berechnung 
IS neuesterZeit ('1897, von GooDcuiLD)jeneZcitlänge auf mindestens vier» ehn- 
ahre schätzt — davon allein 93 Millionen auf die 
Dagegen machte Reverend tJTaBBiuQ auf dem 
a Ansthluas an meiueu Vortrag vom 26. August — 



relativ kurze Tertiärzeit! 
Congtesse in Cambridge — 



— 52 - 

geltend, dass nach einer physikalisch-astronoraischen Berechnung von Sir 
William Thomson die Länge jenes Zeitraumes nicht mehr als 25 Millionen Jahre 
betragen habe. Ich musste darauf entgegnen, dass ich erstens die empirischen 
Grundlagen aller jener Berechnungen für unvollständig, zweitens auch die 
Methode ihrer Wahrscheinlichkeits-Rechnung für unsicher halten muss, und 
dass ich drittens ganz ausser Stande bin, mir jene ungeheueren Zeitmaasse 
auch nur annähernd anschaulich vorzustellen. Ob ich die Zeitdauer des 
organischen Erdenlebens auf 25 oder 100 oder 1400 Millionen Jahre schätze, ist 
für die Anschauung meiner Phantasie vollkommen gleichgültig, und so wird 
es auch wohl bei den meisten anderen Menschen der Fall sein. Auf alle 
fälle besass dieser Zeitraum — also mindenstens 25000 Jahrtausende! 
— eine ganz ungeheuere Länge, vollkommen ausreichend, um auch bei sehr 
langsamem Schritte der organischen Transformation den Formenwechsel der 
Thier- und Pflanzen- Arten auf unserem Erdball begreiflich zu machen! Und 
darauf allein kommt es bei dieser Frage an. 

Wenn wir also auch ganz ausser Stande sind, die absolute Länge der 
phylogenetischen Zeiträume annähernd sicher zu bestimmen, so besitzen wir 
dagegen andererseits sehr wohl die Mittel, die relative Länge der 
einzelnen Perioden derselben annähernd abzuschätzen. Die empirischen 
Grundlagen dazu liefert uns die verschiedene Dicke der über einander liegen- 
den Gebirgsmassen, welche während derselben aus dem Wasser abgelagert 
wurden. (Vgl. hierzu Credner, Elemente der Geologie, 8. Aufl. 1897 ; Neumayr, 
Erdgeschichte, 2. Aufl. 1895, S. 387.) Auf Grund dieser Vergleichungen und 
anderer moderner Schätzungen würden Hundert Millionen Jahre — als 
Minimalzahl angenommen! — auf die Hauptperioden der organischen Erd- 
geschichte sich etwa folgendermassen vertheilen: 

I. Archozoische oder Primordial-Zeit (vom Be- 
ginn des organischen Lebens bis zum Ende der cam- 
brischen Schichtenbildung) 52 Millionen 

II. Paläozoische oder Primär-Zeit (vom Beginn 
der silurischen bis zum Ende der permischen Schichten- 
bildung) . 34 

III. Mesozoische oder Secundär-Zeit (vom Beginn 
der Triasperiode bis zum Ende der Kreideperiode) . 11 

IV. Cänozoische oder Tertiär-Zeit (vom Beginn 
der eocänen bis zum Ende der pliocänen Periode) . . 3 

V. Anthropozoische oder Quartär-Zeit (vom Be- 
ginn der menschlichen Sprachbildung bis zur Gegen- 
wart) 0,1 „ 

Mit Bezug auf diesen letzten, für unsere Betrachtung wichtigsten Ab- 
schnitt ist jedoch zu bemerken, dass dessen Zeitdauer, entsprechend der ver- 
schiedenen Schlussfolgerung aus den modernen prähistorischen Forschungen, 
sehr verschieden geschätzt wird. Während einige neuere Anthropologen für 
die Existenz des Menschengeschlechts auf der Erde ungefähr eine Million 
Jahre annehmen, schätzen die meisten deren Dauer auf eine halbe Million 
oder noch weniger; doch wird jetzt fast allgemein angenommen, dass seitdem 
mindestens hunderttausend Jahre verflossen sind. Jedenfalls ist dieser 
Zeitraum viel länger, als man noch um die Mitte unseres Jahrhunderts all- 
gemein annahm, und als durch unseren mangelhaften historischen Unterricht 
den Schulkindern leider irrthümlich eingeprägt wird. 



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— 53 — 

Es wäre für den Fortschritt unserer wissenschaftlichen Bildung höchst 
wunschenswerth, dass in der Schule schon frühzeitig den Kindern eine un- 
gefähre Vorstellung von dem ungeheuren Alter der Erde und ihrer organischen 
Bevölkerung beigebracht würde ; dadurch würde ihr Begriff von der Unendlich- 
keit der Zeit ebenso gefördert werden, wie durch den Anblick des gestirnten 
Himmels ihr Begriff von der Unendlichkeit des Raumes. 

Ueberhaupt gehören die Elemente der historischen Geologie — 
eine der interessantesten und erhebendsten Wissenschaften! — zu jenen un- 
schätzbaren Bildungsmitteln, welche in jeder Schule (im natürlichen Anschluss 
an die Geographie) gelehrt werden sollten. Die Kinder würden dadurch 
schon frühzeitig vor dem geocentrischen Irfthum und vor dem verderblichen, 
damit verknüpften anthropolatrischen Grössenwahn behütet werden, 
der Quelle unzähliger Uebel. Indem dieser letztere sich mit dem alten anthro- 
pocentrischen Dogma verbindet, erhebt er den pithecogenen menschlichen 
Organismus zum Mittelpunkt der Welt, und indem beide Dogmen mit dem 
Glauben an einen anthropomorphen Schöpfer verknüpft werden, fuhren sie 
zu dem noch jetzt herrschenden Homotheismus. Der Gottes-Begriff ge- 
staltet sich darin zu der paradoxen Hypothese eines „Gasformigen Wirbel- 
thieres" (vgl. den IH. Band meiner Systematischen Phylogenie, 1895, § 459: 
Anthropogenie und Anthropismus). Dagegen befriedigt die Erkenntniss seines 
wahren Ursprungs nicht nur das Causalitätsbedürfniss des denkenden Menschen, 
sondern sie wird für ihn auch ein mächtiger Sporn zum weiteren Fortschritt 
auf der Bahn des Wahren, des Guten und des Schönen. 



Verzeichniss der Anmerkungen. 



Seite 

1. System der Primaten 34 

2. Stammbaum der Primaten 35 

8. Progonotaxis des Menschen 36 

4. Erläuterung der Progonotaxis 38 

5. Kritik der Progonotaxis 38 

6. Laroarck und Darwin . . . .• 41 

7. Anthropologie und Zoologie 41 

8. Anthropogenie 41 

9. Phylogenie der Menschenseele 42 

10. Entdeckung der Denkorgane 44 

11. Unsterblichkeit der Wirbelthiere 45 

12. Das universale Substanz-Gesetz 45 

13. Die drei Central-Dogmen 45 

14. Pithecanthropus, der AfiPenmensch 46 

15. Pithecoide Menschen-Arten (Pygmäen) 48 

16. Pithecoide Menschen-Schädel 49 

17. Opposition gegen die Primaten-Descendenz 49 

18. Phyletische Einheit der Säugethier-Classe . 51 

19. Eizelle des Menschen 51 

20. Länge der phylogenetischen Zeiträume 51 



Pierer'sohe Hofbnohdruokerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg. 



Verlag von Emil Strauss in Bonn. 



Auszug aus dem neuesten Verlags-Kataloge Dece.niber 1898. 

Archiv lür die gesammte Physiologrie des Menschen und 
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Physiologie an der Universität und Direetor des Physiolog. Instituts zu 

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1895. Preis 2 Mark. 

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Duboc, Dr. Jul., Der Optimismus als "Weltanschauungr und 

seine religiös . ethische Bedsutung für die Oegeavratt. S". 1S81. 
(Vergriffen.) 

Forel, August, Prof. a. d. üiiivei-situt Zürich. Gehirn und Seele. 

Vortrag, gehalten hei der 66. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Äerzte in Wien. 8«. 4. Aufl. 1894. Preis 1 Mark. 

Goltz, Friedrich, Prof. a. d. Universität Strassbui^, lieber die Ver- 
richtungen des OrosshirsB. Gesammelte Abhandlungen. Mit 3 Tafeln 
in Farbendruck. 8». kart. 1881. Preis 8 Mark 80 Pf. 

Haeckel, Dr. Ernst, Prof. a, d. Uuiversität Jena, Gesammelte 
populäre Vorträge aus dem Q-ebiets der SntwickelungBlelire. 
Heft I'll. Mit Tafeln und Abbildungen. 8". 1878-79. (Vergriffen.l 

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Dargethan an der Urgeschichte des lalam. 8°. 1877. Preis 1 Mark 50 Pt 
Woher und WoMnP Schopenhauers Antwort auf die letzten Lebena- 

fragen, zusainmongefasst und erginzt,, 8". 1877. (Vergriffen.) 
Hertz, Heinrich, t Prof. der Physik a. d. Universität Bonn, Ueber 

die Beziehungen zwiechen Licht u. Blektricität. Vortrag, geh. auf der 

62. Naturforseher-VcTfiaininlung in Heidelberg. 9. Aufl. 8». 1895. Preis! Mark. 
Hoffdlng, Dr. Harald, Die Grundlage der humanen Ethik. 

Aus dem Dänischen. 8«. 1880. (Vergriffen.) 

Jahresbericht über die Fortschritte der Physiologie, In 

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der Physiologie a. A. Universität und Director des Physiologischen In- 
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RMlOhle, Dr. E.G.,tPrt>fM Philosophie und Naturwissenschaft, 

■ur Xrinntrung an David Friedrich Strauas. 8®. 1874. v Vergriffen.) 
Rlohari» Dr» Fr., t ^'«'^»» San.-Rath, Ueber Zeusrung: und Ver- 

^buivg. 8^ l8v^U (VvrgriftV^n.) 

Sohmldt, Dr. Olktr» t Pr^^<^« «« d. Universität Strassburg, Darwlnis- 
u\ua und Boeialdemokratie. Vortrag« gi^balten bd der 51. Natnr- 
R\\H*\^l\w^Vt>wammluw^ iw Cas*t»L S*« ISTS* v^'ergriffen.) 

StrtUtt» David FrMrtdi, Gesammelte Schriften. Nach des 

V<MrAft«4k«^r« WtttwiUi^ii IWlima^ung^ii lasaiumeiigesteUt. Eingeleitet und 
wiU tj^tkl^M^^Wu Na^'^hw^i^uag^tt vn^rs^heB von Edaard Zellen Mit 
^ INvHtÄI^ \W V^rftwBj^w itt Stahbtkli. 13 Bande. S* lS76-l:?rS. 

IV«» (6k^ Mark. U 13 Halb&zbde. gebe Ih Mark. 

AatmaM In ü ilait>. U<^Yaui^^i»$^^b<Ml r^w Edaard Zeller. la 5 de^. 

lu^^O^aWrbJUnW ^T^ ^* Prrö 20 Mark. 

laball der $ Blade: 
i^ HHi^a« »«tedie»s 9^ Ali«. fi^M«i)pcM ri*k 4 mnk >)» k 
t, ^ i>a» irf^Wa J^MWk ^--u. Alka. i:^äM<ii9<«» ««^ < XaaL 

4' Wl* a^ ^ad 4Nie im«« ^sltMtVl^ t^.-U. AttiL Kmm^mbs $»6. 4 XKk » FL 
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Mvi X l\^Tf*t ta tk^^iwfcc^. $*. l>^ IV^ S Mari. i?-«. Ö Msik. 

TNdHK N^pfiNt. M.^^ i^r Ac*i^ÄW FwoKTtej»?. Der TeisUiBd. 
l*>^ IVjt^iäc^^ :JtJSf«N#*»l ^»t^ A^t^w^ssttÄWt ^Äi«j^ V,*cÖ6a8«» ^20. I>r. L Sie^- 
t^.s^Jt ^^ ^5ite^Äsv <^ ::^\ - PtÄ» 14 Mai. 

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' Iritiere facliräeiiscliaftliclie SclufflßD MM Verfassers: 

Generelle Morphologie der Organismen. 

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der organiachen Forme.ii-Wisaeuschaft, mechaDisch begründet durch die 

voa Charles Darwin reformirte Deacendenztheorie, 

L Band: Allgemeine Anatomie der Organlamen. 

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Berlin, Qeorg Beimer. IB66. (VergrifFen.) 

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Berlin, Qeorg Beimer. 1896. 

Preis: n M., gab. 18 M. 

Systematische Phylogenie 

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Dritter Theil 

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Berlin, Oeorg Keimsr. 1S9B. 

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Jena,, Guatav Fischer. 1874. 

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Ursprung und Entwickelung der thierischen Gewebe. 

Jena, Gustav FiBcher. 1884. 
Preifi: 3 M. 



Plankton-Studien. 

Vergleichende Untersuehuugeu über die Bedeutung und Znsammen- 

Betzung der pelagisehen Fauna und Flora, 

Jena, Oustav Fischer. IBBO. 

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Jena, GubIbt Pieoher. 1879—1881. 

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Utrecht, C. van der Poet jr. 1880. 

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Eeports on the Scientific Results 

r.f the 

Voyage of H. M. S. Challenger 

during the ycars 1873—1876. 
1. Üeport on tte Doep-Sea-Meduaae, 1881. Wtth 32 Plotes. 
n. Report on the Sipbonophorae, 18S8. With 50 Platea. 

III. Report on the Deep-Sea-Keratosa, 1889. Witb 8 Plfttes. 

IV. Report on the Radiolaria, 1887. With 140 PUtea. 

Flerer'iehe HofbuebdrackBi« Slsphui Gelbel b Ca. in AlttuburE. 



Carlord Inc. ^^^^^^^^^^^H 

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